Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Wie das Stuttgarter Schießen

30.07.11 (Bahnhöfe, DB, Deutschland)

Tafeln aus Berlin, am Innenministerium

Das Hornberger Schießen ist als Redewendung bekannt. In Wikipedia wird es so beschrieben: „Die Wendung wird gebraucht, wenn eine Angelegenheit mit großem Getöse angekündigt wird, aber dann nichts dabei herauskommt und sie ohne Ergebnis endet.“

Ich glaube zwar nicht, dass das Hornberger nun zum „Stuttgarter Schießen“ verwandelt wird, obwohl es sich anböte. Doch die sogenannte Schlichtung, die uns alle viel Lebenszeit und Energie gekostet hat, endet mit einem faulen Kompromiss, der sich an einem verworfenen Plan von 1988 orientiert. „Frieden in Stuttgart“ nannte der selbstverliebte Geißler sein von SMA erstelltes Papier. Geht’s auch ein bisschen kleiner?

Bei Licht besehen ist der Vorschlag überflüssig und nur ein scheinbarer Kompromiss, der beiden Seiten Recht geben will: a bissle Tiefbahnhof und viel Kopfbahnhof.  Aber der Kopfbahnhof („K20“) kann alles, was Stuttgart Hbf auch in Zukunft braucht. Er ist zukunftsfähig: mit einem schönen Dach und gegebenenfalls einigen Verbesserungen, die aus den K21-Plänen stammen, die schrittweise verwirklicht werden könnten. Auch wenn ich manche Handstände, die ein Teil der Gegner vorgeschlagen haben, für überflüssig halte. Denn Stuttgart Hbf ist und bleibt ein Bahnhof für den regionalen Pendlerverkehr. Er ist bestenfalls für einen geringen Teil des innerdeutschen Fernverkehrs und Verbindungen nach Frankreich von Bedeutung.

Was in dem abschließenden Tohuwabohu ganz übersehen wurde, ist die Tatsache, dass ein weiter existierender Kopfbahnhof die Blütenträume der lokalen Bau- und Immobiliengrößen (ich formuliere es mal so neutral) zunichte macht. Die Deutsche Bahn müsste das von der Stadt vorzeitig abgekaufte Kopfbahnhof-Grundstück, das sie wahrscheinlich den DB-Vorgängern kostenlos überlassen hatte, rückerstatten. Auch das ist eine Hürde, noch einmal nachzudenken und S21 im Gully der Geschichte zu versenken.

Die Gegner, die eine Menge guter Argumente gegen das Audit vorgetragen haben und enorme Mühe investierten, die Pläne zu zerpflücken, stehen nun als Betrogene da und reagierten entsprechend. Die Front steht nun unversöhnlicher denn je, weil die Gegner sich mit Recht verarscht fühlen dürfen. Denn Geißlers Vorschlag müsste ja erst einen Konsens finden. Die Kräfte, die hinter S21 stehen, wollen aber jetzt bauen.

Die Schlichtung hat also gar kein verbindliches Ergebnis und schon gar keine Befriedung gebracht. Geißler war überfordert, ignorierte unzählige Fakten und die Forderungen seines eigenen Schlichterspruchs. Die Aufforderung, sich seinen mit SMA erarbeiteten Grob-Vorschlag mal anzuschauen, hat den Wert einer Merkelschen Sprechblase: „Wir müssen gemeinsam eine Lösung suchen.“ Null.

Nun wird trotzdem weitergebaut und bereits Aufträge über 700 Millionen Euro vergeben, wie befüchtet. Das vergrößert die Gefahr, dass der dank Geißlers Unverbindlichkeiten stark gestiegene Druck im Stuttgarter Kessel explodiert. Selbst wenn die vielen vernünftigen Gegner sich lieber ein Magengeschwür holen, als den Druck abzulassen: Die Polizei und die vernagelten (nicht alle!) Landtagsabgeordneten der SPD und CDU und die Stadtverwaltung Stuttgart stehen schon bereit, die Situation weiter eskalieren zu lassen. So verfahren war die Lage noch nie. Der Versuch eines neuen demokratischen Umgangs ist an den konservativen Kräften trotz anderslautender Bekenntnisse gescheitert. Nicht zu vergessen: Geißler ist CDU-Mitglied. Daran ändert auch die Mitgliedschaft in einem wirtschaftskritischen Verein wie Attac nichts.

Die Gegner, die sich aufrichtig bemüht haben, den Sumpf von Lügen, falschen Zahlen, Vetterleswirtschaft und heimlich betriebenen Entscheidungsprozessen aufzudecken, wurden von Geißler gedemütigt und vorgeführt. Es wird Menschen geben, die solche Demütigungen nicht länger aushalten können.

Der Schwarze Donnerstag ist womöglich nur ein seichtes Vorspiel für das gewesen, was aufrechte Demokraten und ganz gewöhnliche Bürger, die sich gegen Steuerverschwendung und Umweltzerstörung wehren, in Stuttgart noch erwarten können.

 
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