Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Zwei Jahre RAILoMOTIVE

18.08.11 (Bahnindustrie, Eisenbahn, Marginalien, Medien, Unterwegs – Erfahrungen)

Der (oder das) Eisenbahnblog RAILoMOTIVE ist heute zwei Jahre alt. Dies ist mein 668. Beitrag. Wenn der Monat um ist, werden in den letzten 12 Monaten 400.000 Besuche registriert sein, im Schnitt täglich 1096 und manchmal mehr als 4000, wenn es um Stuttgart 21 ging. Dafür danke ich Ihnen. Auch für die zahlreicher gewordenen Kommentare und Diskussionen, für interessante Gespräche, neue Bekanntschaften und Freundschaften, die daraus entstanden sind. Danke für Gedankenaustausch, Kritik und gegenseitiges Lernen. Es hat sich etwas entwickelt, auch in der Wahrnehmung dieses Blogs. Und bei mir.

Es war ein Jahr des Kampfes gegen Stuttgart 21, obwohl ich eigentlich in erster Linie für Eisenbahntechnologien werben wollte. Vor einem Jahr rückten die Abrissbagger an, die schrecklichen Ereignisse des 30.9.2010 sind immer noch nicht aufgeklärt und werden wahrscheinlich von Justiz und Polizei ausgesessen. Ein Skandal. Mein Studium an der Universität Konstanz war im Fachbereich Politik angesiedelt, und so habe ich mit wachsendem Entsetzen und der Kenntnis von politischen Entscheidungsprozessen lernen müssen, dass das wohl dümmste Eisenbahnprojekt aller Zeiten in Wirklichkeit ein Immobilienprojekt ist, hinter dem nicht nur, aber auch kriminelle Energien und verschiedenste wirtschaftliche Interessen stecken. Denn es geht und ging nie um einen besseren Bahnhof, sondern um die Gewinnung einer neuen, höchst klimaschädlichen Freifläche für die Bauindustrie und Immobilieninvestoren, die alles andere im Sinn haben als bezahlbare Wohnungen für Familien und was sonst noch der Stuttgarter Bevölkerung vorgelogen wurde. Und ganz beiläufig und kaum beachtet ist hier bei einer breiten bürgerlichen Schicht die Erkenntnis gewachsen, dass Lobbyisten, Medien und Politik sie nach Strich und Faden verarscht haben. Vorsätzlich, aus Faulheit, aus ideologischer Festgelegtheit, aus purer Dummheit oder aus fieser Berechnung. Daraus entwickelte sich das Ende einer 58-jährigen Herrschaft der CDU, die sich in Baden-Württemberg wahrscheinlich besser eingerichtet hatte als die CSU in Bayern und die SED in der DDR. Mit einem Filz, der so nur noch in Köln vorstellbar ist.

Heute, am Tag 99 der neuen grün-roten Regierung, die in Wahrheit von stockkonservativen und nicht eben brillant wirkenden SPD-Karrieristen geführt und von einem unerwartet schwachen Ministerpräsidenten offensichtlich nur repräsentiert wird, lasse ich alle Hoffnung fahren, dass der durch und durch wahnwitzige Bahnhofsneubau noch verhindert werden kann. Die baden-württembergischen Grünen, auf denen große Hoffnung lasteten, beherrschen nicht die Klaviatur der Mediendemokratie, in der die Medien zum Themen setzen benutzt werden und sich willig benutzen lassen. Integrität, die man Kretschmann durchaus zugutehalten kann, reicht nicht aus. Ein bisschen Show muss sein. Vom Schneckenhäusle aus kommuniziert sich’s schlecht.

Außer den aufgeklärten Bürgern, die sich bis ins Detail in die Materie eingearbeitet haben und beileibe keine Wutbürger sind, stellt sich nach der Geißler-Ego-Show, die den Namen Schlichtung nicht verdiente und im Eklat endete, kaum jemand mehr gegen das Multi-Milliardenprojekt. Der Kombibahnhof ist Unsinn und unnötig, aber Spielmaterial für Gegner und Landesregierung, während die DB unbeirrt, wenn auch schleppend, weiter baut. Vielleicht explodiert beim Abbruch des Südflügels die von Politik, Justiz und Medien geschundene Volksseele noch und wir werden brennende Autos sehen. Fest steht: Wir alle werden das Wahnsinnsprojekt teuer bezahlen müssen. Selbst wenn es auf halbem Weg aufgegeben wird.

Am meisten bezahlen jedoch die Stuttgarter, die zusätzlich 20 bis 25 Jahre mit einer Großbaustelle, Feinstaub, Abgasen und einem unbenutzbaren Schlossgarten werden leben müssen. Und dann einen Bahnhof aus dem 20. Jahrhundert bekommen, unflexibel und ohne Zukunft. Ich habe das im November 2010, als der Regierungswechsel noch nicht absehbar war, glossiert. Etwa 2035, nicht 2025, wie gestern von der Landesregierung verlautet, könnte S21 in Betrieb gehen. Was ich halb im Spaß kalkulierte, könnte noch harte Realität werden. Die nur noch vier Gleise des Geißlerschen Placebos habe ich damals schon vorgedacht.

Bis dahin sind aber so viele technische Hürden zu nehmen, dass dieses größenwahnsinnige Projekt des 20. Jahrhunderts an sich selbst scheitern kann. Oder an dem bislang schöngerechneten, gegen jede Lebenserfahrung minimierten Finanzierungsbedarf, der in der bald einsetzenden Rezession hoffentlich anders betrachtet werden wird – auch von einer auf tönernen Füßen stehenden Bundesregierung, die es sich angewöhnt hat, bei den Banken geliehene Milliarden mit vollen Händen herauszuschmeißen, wenn die Bank-Lobbyisten oder Herr Sarkosy nur laut genug flüstern. Nun hat sogar einer der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Frank Schirrmacher, die Missachtung der bürgerlichen Werte durch die Merkels, Ramsauers und Röslers entdeckt und ein furioses Essay gegen die willigen Helfer der Lobbyisten und Banken verfasst. Lesen Sie es bitte und verstehen Sie, dass die Zeit der Privatisierung der Gewinne und die Verstaatlichung der Verluste zuende gehen muss.

Ich habe oft genug über Stuttgart 21 geschrieben und möchte mich nicht mehr wiederholen. Die hartnäckigen Bürger Stuttgarts haben eine Menge in Bewegung gebracht. Auch die von der Presse hartnäckig ignorierten Kollegen von fluegel.tv und cams21, die von einer CDU-durchsetzten Polizei und Staatsanwaltschaft nach Stasi-Art eingeschüchtert werden. Ihnen ist zu danken. Sie haben mit Erfolg versucht, interessierte Bürger vor Ort mit Eindrücken und Informationen zu versorgen. Im Gegensatz zu den höchst unprofessionell agierenden und agitierenden Agenturen und Redakteuren in Stuttgart und anderswo, deren Hochmut und auffälliger Recherchefaulheit die Bürgerreporter etwas entgegensetzen wollten. Die Glaubwürdigkeit der Stuttgarter Zeitungen ist jedenfalls angekratzt, den Redakteuren scheint die massive Kritik wenig auszumachen. Sie schaufeln lieber ihr eigenes Grab und merken es nicht einmal.

Der politische Umbruch und der Aufbruch in eine neue Zeit, in der sich der heutige Marktradikalismus zu einer wieder sozialen Marktwirtschaft wandelt und Bürger nicht länger nur Stimmvieh und Geschöpfte sind, hat in Stuttgart begonnen. Eines Tages werden das auch die vernagelten Journalisten merken, die sich nie mit dem Bahnhof ernsthaft beschäftigt haben, aber fest im Glauben stehen, dass es doch „nur um einen Bahnhof“ geht und es viel spannender ist, wie lange noch sich die Grünen halten können. Die Vetterles aus Unternehmern, alt eingesessenen Familien und CDU-Würdenträgern ziehen im Hintergrund derweil die Fäden, um ihr nützliches altes Regime wieder an die Macht zu bringen.

Ich werde mich künftig wieder mehr mit alten und neuen Eisenbahntechnologien beschäftigen. Auch wenn ich inzwischen wenig Hoffnung habe, dass die äußerst behäbige Bahnindustrie – sieht man von Siemens und Vossloh ab – erkennt, dass ihre Zielgruppe nicht nur die Eisenbahnverkehrsunternehmen sind, sondern auch die Fahrgäste und künftigen Mitarbeiter. Zumal der Wettbewerb auf allen Ebenen härter wird. Sie sollte sich noch stärker bemühen, das System Schienenverkehr wirkungsvoller als Hightech zu verkaufen und für sich zu werben. Auch als Gegengewicht zur perfekt vernetzten Autoindustrie, die schon in einigen Jahren weniger Konkurrent als vielmehr Mobilitätspartner werden könnte.

Die Eisenbahn bleibt faszinierend und verdient es, besser „verkauft“ zu werden. Ich versuche weiter dazu beizutragen.

6 Kommentare

  • 1
    HJ:

    Hi Friedhelm,

    Stattliche Zahlen, da darf man gratulieren!

    Cheers

    HJ

  • 2
    Nina Picasso:

    Hallo Herr Weidelich,

    Herzlichen Glückwunsch zu hrem 2-jährigem Bestehen der Railomotive-Seite. Sie ist einfach SPITZE!

    Von diesem Blog lerne ich immer wieder dazu.

    Auch nochmals recht herzlichen Dank für ihren Einsatz zum Thema Stuttgart 21. Wir Stuttgarter,aber auch Ba-Wü’lern aus anderen Ecken des Landes kämpfen fleißig weiter.
    Die Demos und andere Aktionen gehen weiter. Vom BUND aus wird versucht,rechtlich gegen die Bahn vorzugehen, Netzwerk Privatbahnen kämpft,teils die GRünen-wenn es auch wesentlich mehr sein könnte.So hoffen wir auf die vielen Pfeilbeschüsse von allen Seiten,dass sich doch noch was bewegt-wenn auch die Hoffnung nicht zu groß ist.Aber wer nicht kämpft hat verloren.

    Prima,dass Sie sich weiterhin für die Eisenbahn einsetzen. Ich denke, dass Sie durchaus etwas bewegen-auch wenn es vielfach nicht so sichtbar ist.

    Gruß aus Stuttgart und oben bleiben

    Nina Picasso

  • 3
    Bahnwelt TV:

    Hallo Herr Weidelich,

    herzlichen Glückwunsch auch von uns. Und machen Sie weiter so!

    Gruß aus München

  • 4
    Friedhelm Weidelich:

    Vielen Dank für Glückwünsche und Ermutigungen. Es warten noch viele Themen!

  • 5
    Jürgen Holwein:

    Lieber Herr Weidelich –

    wahrhaft herzlichen und aufrichtigen Dank für Ihre brillanten, sachkundigen, analytischen, im Ton furiosen, die Bewegung befeuernden und gelegentliche Depressionsschübe ironisch auflösenden, auch in der Haltung bewundernswert klaren Texten zu Stuttgart 21.

    Grüße aus Stuttgart, das hoffentlich nicht in einem Schwarzen Loch verschwinden wird.

    (Wurden Sie nie eingeladen, auf einer Veranstaltung in Stuttgart zu reden?)

  • 6
    Friedhelm Weidelich:

    Lieber Herr Holwein,

    herzlichen Dank für diese wohltuenden Sätze! Ich habe sehr viele Leser im Raum Stuttgart, das weiß ich, aber ich konnte auch so, aus der Ferne, meinen Beitrag leisten. Nein, eingeladen hat mich niemand. Nur Phoenix fragte zu Beginn der Schlichtung an. Da hatte ich aber wenig Zeit. Später hat sich der Moderator auf die üblichen Verdächtigen beschränkt, wobei nur der Kollege der Badischen Zeitung durch fundiertes Wissen auffiel. Seit Stuttgart 21 halte ich nur noch wenig von meinen lieben Kollegen…

    Ich hoffe weiter auf ein Wunder und gar nicht mehr auf die Handlungsfähigkeit der Grünen. Die Propaganda- und CDU-Mühlen mahlen gewaltig, einen hervorragenden Beitrag liest man hier.

 
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