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Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Plus 59 Sekunden – die Deutsche Bahn trickst bei der Pünktlichkeitsstatistik

20.09.11 (DB, Deutschland, Eisenbahn, Österreich, Personenverkehr, Schweiz)

Die Kommunikationsfachleute der Deutschen Bahn sind meist gute Strategen. Und so wurden zum Wochenende hin erst einmal ein paar Interviews großer Zeitungen mit dem Vorstandsvorsitzenden Rüdiger Grube eingefädelt, die eine frohe Botschaft verkündeten: Ab nächste Woche geben wir monatlich unsere Pünktlichkeitsstatistik bekannt. Und ganz beiläufig wurde „nicht ausgeschlossen“, dass zum Dezember wieder eine ordentliche Fahrpreiserhöhung kommt. Dabei ist die DB heute schon mit Bahncard 50 so teuer wie die Spritkosten für den Fahrer.

Auch wenn manche Medien heute große Teile der soeben veröffentlichten Pünktlichkeitsstatistik übernommen haben, ist nur wenigen – etwa der Frankfurter Rundschau – aufgefallen, dass für die Deutsche Bahn „Verspätungen“ nicht wie bisher bei 5 Minuten beginnen, was bei den beliebten Umsteigeverbindungen über Mannheim regelmäßig zu einer unfreiwilligen Reiseverlängerung von einer Stunde führt. Bei ihr enden jetzt „5 Minuten“ erst bei 6 Minuten minus einer Sekunde. Das Werk geschickter Statistikfälscher. Denn hier werden kaufmännische und mathematische Grundregeln fröhlich ausgehebelt. Und die ausgefallenen Züge werden erst gar nicht erfasst.

Das hat selbstverständlich gewaltige Auswirkungen auf die veröffentlichte, sowieso nicht nachprüfbare Pünktlichkeitsquote. Die Pünktlichkeitsstatistik bildet laut DB die mehr als 800.000 Fahrten von Personenzügen eines Monats ab (davon mehr als 20.000 im Fernverkehr und rund 780.000 im Nahverkehr, inklusive aller S-Bahnen). Originaltext DB: „Die DB bewertet deren Pünktlichkeit sowohl bei der Abfahrt und am Endhalt des Zuges als auch an den Unterwegshalten. Während im Fernverkehr bereits alle Verkehrshalte in die Pünktlichkeitserhebung einfließen, stützen sich die Nahverkehrsdaten auf die Auswertung einer repräsentativen Auswahl mehrerer Hundert Messstellen an wichtigen Knotenpunkten. Diese wurden zum Großteil mit den Bestellerorganisationen der Bundesländer für den jeweiligen Verkehrsvertrag vereinbart. Ab Januar 2012 wird die DB auch im Nahverkehr alle Halte vollständig erfassen.“ Das dürfte sich nicht unbedingt positiv auf die Pünktlichkeitsquote auswirken.

Die meisten Redakteure haben die sogar offen kommunzierte Botschaft der DB „Im August 2011 waren die Personenzüge der DB insgesamt zu 93,2 Prozent innerhalb der Grenze von 5:59 Minuten pünktlich.“ gekürzt und die zweite Satzhälfte einfach weggelassen. Einzelne texteten wenigstens, dass ein Fünftel der Züge unpünktlich waren, basierend auf folgendem DB-Satz: „Für den Fernverkehr weist die DB im August eine Fünf-Minuten-Pünktlichkeit von 80,9 Prozent aus, die Fünfzehn-Minuten-Pünktlichkeit lag bei 93,2 Prozent.“ Tatsächlich ist die Fünf-Minuten-Pünktlichkeit eine Sechs-Minuten-Pünktlichkeit! Bei einer ehrlichen 5-Minuten-Grenze kämen ganz andere Werte heraus, die weit schlechter wären.

Weil die Daten nicht berauschend sind, führte die DB zusätzlich eine 16-Minuten-Verspätung ein, die dann als „15-Minuten“-Verspätung in diesen Grafiken gezeigt wird. Seriös ist das nicht, aber die meisten Journalisten haben es gefressen und nicht weiter nachgedacht. Beides kein neues Phänomen.

Die schweizerischen SBB haben 2009 die 5-Minuten-Grenze mutig auf 3 Minuten reduziert.

SBB-Konzernmediensprecher Reto Kormann gab mir dazu folgende Details: „Bei uns beginnt die Unpünktlichkeit eines Zuges bei 3 Minuten 0 Sekunden – ergo gilt jeder Zug mit einer „Verspätung“ von bis zu 2 Minuten 59 Sekunden als pünktlich.

Zugpünktlichkeit, Stand Ende August 2011 (< 3 Minuten):
– Gesamtes Netz, Fern- und Regionalverkehr: 93,99%
– Gesamtes Netz, Fern- und Regionalverkehr: 92,72%

Noch ein Detail: Wir wollen bei der SBB aber nicht nur die Pünktlichkeit der Züge an sich kennen, sondern vor allem auch jene unserer Kunden. Deshalb erheben wir auch die so genannte Kundenpünktlichkeit. Warum? Es verfälscht die Statistik, wenn Sie einen kaum besetzten Zug zu später Stunde in gleichem Masse berücksichtigen wie einen vollbesetzten IC. Wir gewichten deshalb in der Statistik die Pünktlichkeit eines Zuges zusätzlich anhand seines Belegungsgrades.

Kundenpünktlichkeit, Stand 1. Halbjahr 2011 (< 3 Minuten):
– Kumuliert, Fern- und Regionalverkehr: 91,6%
– Gewährte Anschlüsse: 97,8%“

Bei der österreichischen ÖBB, die sogar Statistiken nach Bundesländern erstellt, waren im ersten Halbjahr 2011 im Fernverkehr 86,1 Prozent der Züge pünktlich unterwegs, im Nahverkehr 97,0 Prozent und bei der Wiener S-Bahn 98,4 Prozent.

 
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