Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Stuttgart 21: Alles gesagt

28.11.11 (Bahnhöfe, Deutschland, Verkehrspolitik)

Der größere Teil Baden-Württembergs ist faktenresistent oder will einfach seine Ruhe haben. Die Volksabstimmung endete mitnichten mit dem nun überall verbreiteten „Auftrag, den Bahnhof zu bauen.“ Es ging lediglich darum, ob das Land aus der Finanzierung des de facto Immobilienprojekts aussteigen soll, was offensichtlich jedem bundesdeutschen Journalisten entgangen ist.

Jetzt hangelt man sich in der Politik bis zum nächsten Knackpunkt, dass es „nicht mehr als 4,5 Mrd.“ sein dürfen, obwohl es 2009 schon 6 Mrd. waren. Ich bin sicher, dass es tatsächlich 12 bis 15 Mrd. werden. Wir kennen das ja aus anderen Großprojekten.

Wer glaubt, man könne bei 4,5 Mrd. ein Limit setzen, dem ist nicht mehr zu helfen. Schon heute macht die Bahn deutlich, dass es teurer wird. Festlegen will sie sich nicht. Was keinen der Gegner überraschen wird.

Stuttgart 21, das als System mit unzähligen Komponenten noch gar nicht durchgängig über eine Baugenehmigung und abgeschlossene Planungen verfügt, wird an den Kosten und technischen Problemen scheitern. Dann wird der Ausstieg weit mehr kosten als die frei erfundenen Zahlen von angeblichen Ausstiegskosten und die niedrigen Baukosten für Tunnel in einem nachweislich unkalkulierbaren Untergrund.

Der Preis, den die Stuttgarter dafür zahlen werden, wird in jeder Hinsicht sehr hoch sein. Das Ergebnis wird eine verwüstete Stadt sein: intellektuell, finanziell, räumlich, politisch, juristisch, klimatisch und sozial. Rette sich, wer kann!

Das Klügste, was ich gestern zu Baden-Württemberg und Stuttgart 21 bisher gelesen habe, hat Arno Luik für den Stern geschrieben:

Der Filz siegt.

Damit ist alles gesagt.

PS: Wenn Medienforscher eines Tages nach dem Grab des Journalismus, der Vierten Gewalt und der kritischen, fundierten Berichterstattung suchen, werden sie es in Stuttgart finden.

Denn dort hat der embedded and obsequious journalism (eingebetteter und unterwürfiger Journalismus) einen seiner letzten Höhepunkte gefeiert, bevor ihn die Bürger nach langem Leiden begraben haben. Die Grube ist schon offen.

2 Kommentare

  • 1
    Thomas Neuhaus:

    Bei dieser Art des Wahlkampfs der Pro S21 Lobby wundert das Ergebnis nicht. Auch der SWR hat gestern in seiner Berichterstattung kaum seine Genugtuung verbergen können. Fragt doch dieser Bratzler den Verkehrsminster wie er denn weitermachen könne wo er doch lauter Gegner von S21 in seinem Minsterium beschäftige. Und auf der anderen Seite keine einzige kritische Frage an Schuster wegen dessen wohl rechstwidrigen einseitigen Brief auf Steuerzahlerkosten – nichts. Niemand scheint sich auch dafür zu interessieren, daß der jetzige Bahnhof leistungsfähiger ist und die Bahn die Wikileaks Vorwürfe unwidersprochen im Raum stehen. Und wie sagte der Kommentator des SWR in den Tagesthemen. Die Schlichtung hätte gezeigt, daß S21 Sinn macht. Nur schwer zu ertragen. Bleibt die Hoffnung auf die Klage der Privatbahnen. Generell wäre mal interessant, welchen Wissensstand die „NEIN“ Sager zu S21 haben – aber vielleicht will ich das gar nicht wissen – das wäre wahrscheinlich noch frustrierender. Sie haben Recht, Luik hats gut getroffen, die anderen haben genau das gemacht was Sie, Herr Weidelich, vorhergesagt haben.

  • 2
    D.Walz:

    Ländlesende
    (frei nach: „Weltende“ von Jakob van Hoddis)

    Dem Bürger fliegt der Koschdendeggl auf den Meggl
    In Hohen Lüften hallt es voll Entzücken
    Die Eisenbahnen fallen von den Brücken
    Die Welt ist voller Massen von Schafseggl

 
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