Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Stuttgart 21: Grubes Zynismus und Rechenkunst

20.11.11 (Bahnhöfe, DB, Deutschland, Grube, Medien)

Bahnvorstandschef Rüdiger Grube reist durch die Lande und macht vor dem Volksentscheid, der in der Geschichte Baden-Württembergs zum ersten Mal stattfindet und nur dort nach der Landesverfassung „Volksabstimmung“ heißt, Stimmung für Stuttgart 21. Gut besucht sind seine Sonderzug-gestützten Auftritte in den baden-württembergischen Städten nach Zeitungsberichten offensichtlich nicht, seine Glaubwürdigkeit wird in den Leserkommentaren heftig angezweifelt.

Auch die FAZ hat ihn interviewt, die heutige Sonntagszeitung bringt ein fast ganzseitiges Interview mit Grube, inzwischen auch online.

Vier Aspekte möchte ich herausgreifen:

1. Zur „Schlichtung“ mit Heiner Geißler bemerkt er: „…konnten wir zeigen, dass unsere Berechnungen für die Kapazität des Bahnhofs vollkommen ausreichend bemessen waren.“ – Ausreichend! Das trifft es, denn die Kapazität liegt bekanntlich deutlich unter der Leistungsfähigkeit des Kopfbahnhofs.

2. Ob er seinen Vorgänger (Mehdorn) verflucht habe, weil der ihm S21 eingebrockt habe? Er habe es nicht gerade glücklich gefunden, dass die Verträge vier Wochen vor seinem Eintritt unterzeichnet wurden, gesteht Grube. Aber schon bei Daimler habe er das Projekt aktiv unterstützt. Ja was denn nun? Und mit welcher Motivation unterstützte der Manager eines Automobilkonzerns ein Städtebauprojekt? Oder gar ein Bahnprojekt???

3. Grube behauptet, dass die „Züge im Personenverkehr zu rund 92 % pünktlich“ seien und man nichts für Suizide und den „Diebstahl von Kupferoberleitungen“ könne. Suizide hat es aber immer gegeben (ca. 3 pro Tag). Oberleitungen sind immer aus Kupfer, was ein Bahnchef aus der Autobranche ja nicht wissen kann. 😉 Jedoch werden meist Erdungskabel gestohlen, weil die nicht unter Strom stehen. Die Pünktlichkeit liegt in der Summe bei 91,7 %, da kommt es aber auf die Nachkommastellen an. Dummerweise sind die Verspätungen ab 6 Minuten im Fernverkehr, für den die Deutsche Bahn ganz allein verantwortlich ist, gestiegen: Nur noch 76,3 % der Fernzüge waren im Oktober weniger als sechs Minuten verspätet, nach 79,2 % im September. Der von den Ländern subventionierte und mit Sanktionen belegbare Nahverkehr von DB Regio ist hingegen über viele Monate fast konstant und hat nur minimal zugelegt bei der Unpünktlichkeit – die erst ab 6 Minuten gilt und nicht bei 5 liegt, wie die DB-Grafik suggerieren will. Im Nahverkehr liegt der Wert bei 92,1 % nach 92,9 % im Vormonat. Die Bahn wird also überall schlechter, versagt aber signifikant im Fernverkehr. Eine Nachfrage hätte nicht geschadet.

4. Bei der letzten Frage gibt sich Grube unerschütterlich: Ob die Gegner doch recht hätten? Natürlich nicht. „Allerdings: Wenn wir vor vielen Jahren gewusst hätten, wie wichtig den Stuttgartern die Seitenflügel des Bahnhofs sind, hätten wir wenigstens versuchen können, sie nicht abzureißen. Dafür ist es jetzt zu spät.“ Grube beweist sich hier als Zyniker.

Im August 2010 hatte ich einen Brief Grubes an die Mitarbeiter veröffentlicht, in dem er den um Monate vorgezogenen Abriss des Nordflügels so begründete: „Gestern haben wir mit dem Abriss der Fassade des Nordflügels am Stuttgarter Hauptbahnhof begonnen und damit bewiesen, dass wir das Projekt auch weiterhin wie geplant vorantreiben. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir in Stuttgart das Richtige tun. Mit den gestrigen Bauarbeiten haben wir ein für alle unübersehbares Signal des Projektfortschritts gesetzt.“

Dass noch „mehrere hundert Millionen Euro“ Reserve vorhanden seien, wenn die von ihm gesetzte Grenze von 4,526 Mrd. überschritten werde, gehört zu den bekannten Grube-Plattitüden mit dem Wahrheitsgehalt eines Wahlversprechens. Die Hochgeschwindigkeitsstrecke Köln – Frankfurt wurde am Ende doppelt so teuer, trotz vieler Abstriche verdreifachten sich die Kosten des Berliner Hauptbahnhofs. Auch der Leipziger Bahntunnel ist jetzt doppelt so teuer. Die Düsseldorfer U-Bahn ist drei Jahre vor der Fertigstellung schon 15 % teurer als geplant und wird am Ende eine Milliarde gekostet haben, wette ich. (Auch in Düsseldorf sind die Interessen von „Stararchitekten“, Tunnelbohrer, Investoren und Stadt in ähnlicher Weise verbunden wie in Stuttgart und die Presse, die jedes millionenschwere Hochhaus bejubelt, noch unkritischer als in Stuttgart.) Und die Elbphilharmonie?

Klar doch: Stuttgart 21 als das bestgeplante Objekt seit dem Turmbau zu Babel wird das erste Großprojekt sein, das höchstens 10 % teurer wird als geplant.

Schwäbische, fränkische, hohenlohische, hohenzollersche und badische Häuslebauer können besser rechnen als der Obstbauernsohn aus Moorburg. So könnte es für Grube noch ein böses Erwachen geben.

 
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