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Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Stuttgart 21: Wie sehr haben Bahn und SMA beim Stresstest getrickst?

18.11.11 (Bahnhöfe, DB, Deutschland, Eisenbahn, Grube, Medien)

Eigentlich wollte ich mit einer Pressemitteilung des S21-Propagandabüros beginnen. Ich halte die Verlautbarungen des Herrn Dietrich für so glaubhaft wie die Sprüche von Parteigeneralsekretären (von CDU bis SED), Kanzlerin Merkels Agitprop-Phrasen über den Euro oder die katholische Doktrin der Jungfrauengeburt. Nun gibt es zwar Redakteure, die es unter Ausschaltung ihres Verstandes für eine Pflicht halten, auch Dietrichs Dahingesagtes drucken und online stellen zu müssen. Sie sollten dann aber auch die Pressemitteilungen der NPD, des Verbandes der Schutzgelderpresser oder des Syndikats der Billiglöhner-Verleiher abdrucken, da deren Wahrheitsgehalt ähnlich hoch ist.

Ach ja: Laut Dietrich wird die Aufgabe des Wahnsinnsprojekts, die aus der la meng, frei erfunden und niemals nachprüfbar belegt mal eben 1,5 Mrd. Euro kosten soll, noch viel teurer, weil für 700 Millionen Aufträge vergeben worden sind. Bestimmt ohne Rücktrittsklausel, weil die Deutsche Bahn das immer so macht. Das Herzchen aus der Zahlenbastelwerkstatt kommt so auf eine viel höhere Zahl, und vielleicht springt ein doofer Journalist ja drauf an. Besser noch: Auch nächste Woche bleibt noch Spiel nach oben. Warum nicht gleich mit dem echten Schaden (am Steuerbürger!) drohen, der realistischen Bausumme von 9 Mrd.?  Also Grubes Limit mal 2, weil es ja Schadenersatz noch und noch geben könnte. Gewisse Kreise haben ja nicht umsonst in das Städtebauprojekt investiert…

Dumm nur, dass ein Teil der Schwaben und Badener rechnen kann. Es sind ja nicht alles Politiker und Vorstände mit nichts als ihrem eigenen Vorteil im Blick.

Aber jetzt bringe ich die Pressemitteilung doch. Dietrich, von dem ich mich frage, wieso er sich diesen Job antut, den er eher nicht beherrscht, ließ heute verlauten: „Das Kommunikationsbüro weist die sogenannte „Expertise“ von WikiReal.org am Stresstest entschieden zurück. Sie entbehrt jeder Grundlage. Das Regelwerk, das dem Stresstest zu Grunde liegt, ist allgemein zugänglich und war auch die Grundlage für das Testat des unabhängigen Gutachterbüros SMA.

Die Pressemitteilung weiter: „SMA lagen neben dem Regelwerk sämtliche Daten für die Bewertung vor – im Gegensatz zu WikiReal.org. Projektsprecher Wolfgang Dietrich: „Uns ist völlig schleierhaft, wie WikiReal.org ohne umfassende Informationen einen professionellen Bericht erstellen kann. Die Kritik ist ein durchsichtiges und billiges Wahlkampfmanöver einschlägiger Projektkritiker kurz vor der Volksabstimmung.“

Es ist mir völlig schleierhaft, wie das Propagandabüro, ohne irgendwelche Feststellungen zu widerlegen, eine „professionelle“ Pressemitteilung erstellen kann. Sie ist ein durchsichtiges und billiges Wahlkampfmanöver einschlägiger Projektbefürworter kurz vor der Volksabstimmung.

Niemand hat in der heutigen, quälend langen Pressekonferenz von Wikireal.org bestritten, dass SMA bestimmte Daten nicht vorlagen. Die Wissenschaftler, die leider genauso wenig wie Dietrich Kommunikationsprofis sind, haben aber das analytische Handwerkszeug, um einen „professionellen Bericht“ zu erstellen, wie ihnen das Propagandabüro so nett bestätigt.

Den gesamten Vortrag kann man sich bei www.fluegel.tv anschauen und die Details hier nachlesen, deshalb nur ein paar Anmerkungen.

Laut dem praktizierenden Physiker Dr. Engelhardt hat SMA beim Stresstest

  • in Wirklichkeit das Testat „risikobehaftet“ vergeben, weil die DB ihr eigenes Regelwerk missachtet und die Standards zweimal gesenkt hat. „Wirtschaftlich optimal“ sei heute gleichbedeutend mit risikobehaftet oder nach älterer Lesart „mangelhaft„. Siehe auch hier. Auch der Stuttgarter Professor Ullrich Martin (bekanntlich ein Verfechter des Untergrundbahnhofs) habe das in einem ZDF-Interview bestätigt.
  • 49 Züge in der Spitzenstunde sind nur theoretisch, aber niemals praktisch erreichbar. Realistisch seien 32 bis 35 pro Stunde. Weniger, als der alte Hauptbahnhof heute kann: 37, bei bis zu 56 Zügen, die der Kopfbahnhof ohne große Eingriffe bewältigen könne.
  • Der Stresstest operiere mit einer Gleisbelegung von ca. 95 %, obwohl die Planer weltweit von 60 bis maximal 75 % für machbar halten.
  • S21 baue Verspätungen nicht ab, sondern vergrößere sie im Zweifelsfall.
  • Vor der Spitzenstunde und danach gruppieren sich relativ wenige Züge. Das muss so sein, damit die Verspätungen sich nicht weiter aufschaukeln und die angeblich 49 Züge bewältigt werden können. Sind es mehr als gut 30 (wenn ich es richtig mitbekommen habe), sinkt die Pünktlichkeit drastisch.
  • SMA hat die Güterzüge auf den zulaufenden und ablaufenden Strecken offenbar weggelassen, um die Verspätungen niedrig zu halten. Was ein grober Fehler und unrealistisch ist.
  • Verspätungswellen wurden offenbar regelwidrig gekappt, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen.
  • Statt 100 Durchläufen der Simulation von Verspätungen wurden wohl nur wenige Stichproben genommen.
  • Störungen wie alltägliche Streckensperrungen wurden erst gar nicht berücksichtigt.
  • Viele Prämissen, die SMA in den öffentlichen Stresstestunterlagen aufgestellt habe, fielen bei der anschließenden Bewertung durch SMA wieder unter den Tisch.

Eine Kernaussage sollte nicht nur Herrn Kretschmann, der bereits zu bedenken gibt, dass man ab dem 27.11. womöglich den Weiterbau verkünden müsse, nachdenklich stimmen: Engelhardt forderte eine Wiederholung des Stresstest durch einen wirklich unabhängigen Tester. „Die findet man nur außerhalb des deutschen Sprachraums.“ Warum: Sowohl SMA als auch die bemerkenswert unkritischen Universitäten sind wegen der Drittmittel, die sie von der DB für die Forschung erhalten, nicht neutral – können es auch gar nicht sein. Wissenschaftler und Bahnmitarbeiter sind aufgerufen, sich bei Wikireal an der Diskussion zu beteiligen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Dass dir S21-Fürsprecher nicht neutral und in irgendeiner Weise vom Projekt profitieren, ist für Menschen mit etwas Lebenserfahrung und die wenigen örtlichen Journalisten mit einem Hauch Eisenbahn-Sachverstand und dem Willen, sich in die Materie einzuarbeiten, keine Überraschung.

Vor einem Jahr schrieb ich: „Jeder Hoffnungsschimmer zählt, auch wenn ich nicht glaube, dass die S21-Projekt-Verantwortlichen einen Millimeter zurückweichen werden. Ganz egal, welchen Murks und welche dreisten Lügen man ihnen nachweist.“

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Dietrichs freches Propagandapamphlet beweist es.

Nachtrag 19.30 Uhr: SMA und Partner ist durch die Vorwürfe, bei seinem Testat an einigen Stellen zumindest ein Auge zugedrückt zu haben, in der Defensive, aber ebenso schlecht beraten in Sachen Öffentlichkeitsarbeit wie das Propagandabüro. Die Wissenschaftler hatten in der Pressekonferenz betont, dass Sie SMA-Chef Stohler um eine Stellungnahme gebeten habe, der sie aber vor dem Volksentscheid abgelehnt habe. Das mag aus Loyalität der Deutschen Bahn gegenüber geschuldet sein, obwohl Stohler sich wiederholt gegen Stuttgart 21 in der geplanten Form ausgesprochen hatte und nach der sogenannten „Schlichtung“ mit einem Kombiplan aufgetreten war.

In nicht eben geschickter Weise äußert sich das Unternehmen niveaumäßig nah an Dietrich zum Audit: „Die bei www.fluegel.tv am 18. November 2011 übertragene Pressekonferenz zu Stuttgart 21 war offenkundig eine politische Veranstaltung mit dem Ziel, die von DB Netz AG durchgeführte Simulation zur Betriebsqualitätsüberprüfung und das Audit der SMA zu diskreditieren. Wir weisen alle dort erhobenen Vorwürfe bezüglich mangelnder Professionalität oder Befangenheit vehement zurück. Leider mussten wir in den vergangenen Monaten zur Kenntnis nehmen, dass die Diskreditierung von Experten offenbar zum politischen Alltag gehört, sobald deren Ergebnisse oder Empfehlungen für einzelne Interessenvertreter nicht in ihre jeweilige politische Linie hineinpassen. Nichtsdestotrotz halten wir uns zu gegebener Zeit bereit für eine wissenschaftliche Aufarbeitung von Eisenbahn-Simulationsverfahren.“

Beachten Sie den von mir gefetteten Satzteil. Damit distanziert sich das Beratungsunternehmen von der Simulation, die ja in der Tat von der DB durchgeführt wurde. In der Form ist die Stellungnahme unsouverän und polemisch. Wer nichts zu verbergen hat, würde anders reagieren.

Dass die lieben Kollegen von DPA Stuttgart schon wieder nichts verstanden haben, nichts verstehen wollten und sich nicht für die vorgetragenen Fakten interessieren, aber gern Sätze aus Pressemitteilungen per copy & paste zu einem Text zusammenschustern, belegt übrigens dieser Artikel. Als Leser, aber auch als Redakteur, der nicht nur Contentschieber ist, würde ich mich verarscht fühlen von so viel handwerklichem und journalistischen Unvermögen einer einst ehrwürdigen Nachrichtenagentur. Den FH-Professor aus Weingarten, dessen Vortrag ich mangels Übertragungsqualität im Internet nicht ausreichend verfolgen konnte, hat man gleich ganz unterschlagen.

4 Kommentare

  • 1
    Lukas:

    Also, Gueterzuege sind in den Zeit-Weg-Diagramm und bei der Verspaetungsberechnung drin.

  • 2
    Friedhelm Weidelich:

    Bei den Zu- und Abläufen, die für Verspätungsauf- und -abbau mit verantwortlich sind, aber nicht. So habe ich das jedenfalls verstanden. Schauen Sie mal bei Fluegel.tv bei Minute 46.

  • 3
    Doro Burke:

    Lieber Herr Weidelich,
    erst einmal möchte ich mich für die vielen fundierten und interessanten Informationen zu S21 (und anderem) bei Ihnen bedanken.
    Ich lese Ihre Blog-einträge regelmässig und habe schon viel neues dazugelernt und erfahren.
    Nun dazu warum ich hierzu etwas schreibe:
    letzten Samstag (19.11.11) war ich am Freiburger HBF um Herrn Grube und Co. gebührend willkommen zu heissen. Natürlich war auch Herr Dietrich dabei und stellte sich zusammen mit ein paar bulligen Security Menschen neben und vor mich damit Herr Grube mein Plakat mit der Aufschrift:
    „Keine Milliarden GRUBE in Stuttgart “ nicht mehr so gut lesen konnte.
    Dann drehte er sich grimmigen Gesichts zu mir und sagte in mein freundlich lächelndes Gesicht: „Sie haben wohl einen unterirdischen IQ!“
    Da scheint wohl nicht alles so gut zu laufen im Proler-Lager sonst wären solche unteridischen Beleidigungen nicht nötig, antwortete ich und lächlte weiter freundlich.
    Soviel zum Thema gute Kommunikation mit den Bürger/innen zum Thema S21.
    Schönen Gruss
    Doro Burke

    PS: http://ja-zum-ausstieg-suedbaden.de/

  • 4
    Friedhelm Weidelich:

    Liebe Frau Burke,

    vielen Dank für das Lob, ich freue mich immer darüber.

    Warum Dietrich sich den Job antut, weiß ich nicht, zumal ihm das Handwerkszeug und vor allem die Glaubwürdigkeit fehlt. Solche Beleidigungen zeigen in der Tat, dass bei dem der A auf Grundeis geht. Und das ist gut so, weil nicht noch unsere Kindeskinder für diese unsägliche geplante Steuerverschwendung bezahlen sollen. Für einen Bahnhof, der wesentlich weniger leistet als der vorhandene und einen Engpass darstellt, der das gesamte deutsche Bahnnetz in Mitleidenschaft ziehen würde, wenn auch nur ein Zügle in den Tunneln steckenbleibt. Dietrich und seine Unternehmerschar interessiert das sowieso nicht, sie verstehen es nicht einmal und fahren sowieso lieber ihren Daimler und kennen die verlotterten DB-Züge wahrscheinlich gar nicht von innen.

    Ich kann ja leider nicht mitwählen, hoffe aber, dass es in Baden-Württemberg mehr kluge Köpfe gibt, als man denkt. Leute, die rechnen können und sich nicht verarschen lassen von Undemokraten und Wirtschaftskriminellen. Und dass die aufgeklärten Konsumenten künftig um Produkte von WMF, Stihl, Bosch usw., diesen Befürwortern von Steuerverschwendung und Vetterleswirtschaft, einen großen Bogen machen.

    Herzliche Grüße ins schöne Südbaden,
    Friedhelm Weidelich

    PS: Meine Diplomarbeit habe ich 1977 über die drohende Stilllegung der Elztalbahn geschrieben. Damals träumte die Deutsche Bundesbahn unter Bundesverkehrsminister Gscheidle (SPD!) von einer Privatisierung der DB und einem „betriebswirtschaftlich optimalen Netz“, das nur noch aus ein paar Fernstrecken bestehen sollte. Sie sehen: Es stehen immer wieder genug Dumme auf, momentan müssen wir den Bundesverkehrsminister-Darsteller Ramsauer von der CSU aushalten.

 
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