Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Zum Abschluss: Was Politikredakteure tun und lassen

25.11.11 (Bahnhöfe, DB, Deutschland, Eisenbahn, Grube, Marginalien)

Ich kann mich nicht damit abfinden, dass Politikredakteure mit null Fachwissen und null Interesse an Fakten und technischen Bedingungen jetzt intensiv über Stuttgart 21 schwadronieren. Egal, wo Sie online nachsehen: High noon in Stuttgart, S21-Gegner müssen Volkes Stimme fürchten (ein besonders dämlicher SPIEGEL-Beitrag*). Es wird über fehlende 70 (?) Millionen für die Elektrifizierung der Südbahn geheult und ich warte nur noch das originalgetreue, wörtliche Zitat eines SPD- oder CDU-Politikers, dass die IHK zusammen mit der Bertelsmannstiftung oder der INSM herausgefunden habe, dass die komplette Wirtschaft nach Bayern auswandern wird, wenn Stuttgart 21 nicht kommt. Zufällig kündigte Daimler heute Milliardeninvestitionen in seinen nahen Standorten an. Das war bestimmt nicht mit den Herren Dietrich und Grube (in dieser Reihenfolge!) abgesprochen.

Persönliche neoliberale oder CDU-hörige Glaubensbekenntnisse bis hin zu Vorurteilen aus dem vorigen Jahrhundert über „die Grünen“ sind eigentlich keine Basis für eine halbwegs realitätsnahe Berichterstattung. Doch manche der Redakteure scheinen schon als 12-Jährige ihr Leben der Jungen Union und einem brabbelnden Pfälzer geweiht zu haben, um dann zielgerichtet Jahrzehnte als Politikredakteur im Dunstkreis der Polit- und Unternehmergranden zu verbringen. So hat man’s immer schön kuschelig warm an der Seite der Macht und muss für’s gute Essen nicht bezahlen.

Ich kann mich nicht mit solchen Redakteuren abfinden, doch wahrscheinlich bleibt mir nichts anderes übrig. Denn ich kann es nicht ändern, dass diese Politschwadroneure sich in ihrer scheinbaren Reichweite und redaktionellen Macht gefallen und so ganz nebenbei die Glaubwürdigkeit der Medien zerstören, die einmal Vierte Gewalt sein sollte. Sie sind oft nur noch der verlängerte Arm der Politiker, Lobbyisten und Aktiengesellschaften, die unser Bestes wollen: unser immer saurer verdientes Geld, unsere Steuern. Die seichten, aber bedeutungsschweren Artikel gibt es kostenlos im Netz, im anzeigenfreundlichen Umfeld ihrer Verlage. Deren Geschäft ist Journalismus längst nicht mehr, nur noch Beiwerk.

So wie die Deutsche Bahn den Bahnbetrieb nur noch als lästige Nebentätigkeit bei ihrem Kerngeschäft der weltweite Expansion sieht.

Die DB ist ein Unternehmen ohne Dienstleistungsabsicht. Dummerweise wird sie, wenn auch marginal, dazu gezwungen. Vom „Markt“, nicht von Bundeseigentumsverweser Ramsauer.

Aber das nur am Rande. Dass die schreibenden Kollegen die gesellschaftlichen Prozesse rund um Stuttgart 21 überhaupt nicht erfassen und gegen die absolutistisch agierende Melange aus Politik und Wirtschaft demonstrierende Bürger als kleinbürgerliche „Wutbürger“ diffamieren, ist traurig, wenn auch nicht sehr überraschend. Ein paar Zahlen aus Pressemitteilungen, kritiklos von den Nachrichtenagenturen serviert, genügen als Spielmaterial für ihre dahingeblufften redaktionellen Leistungen. Wenn Recherche und Kritik gefragt wären, ziehen sie sich elegant zurück: „Der eine sagt, der andere sagt.“ Nach dem Motto: „Was stimmen und plausibel sein könnte, ist mir egal und macht nur Arbeit. Und meine Pointe kaputt.“

Politik ist für sie ein Fußballspiel mit Taktik, Gewinnern und Verlierern, „Wirtschaft“ ebenfalls. Die Existenz von Lobbyisten und dreisten PR-Lügen kennen sie zwar, beziehen sie in ihre Überlegungen aber nicht ein. Nützlich ist, was der eigenen Ideologie oder der Blattlinie entspricht. Und was soll man zum Beispiel schon von einem Wirtschaftsmagazin erwarten, in dem der Chefredakteur von der „Bundesbahn“ schreibt, die es seit 1994 nicht mehr gibt.

So zieht man genüsslich über die scheinbar lächerlichen, kleinbürgerlichen „Bahnhofs-Gegner“ her, die ihre Stadt und deren grüne Lunge bewahren wollen und sich gegen den „Fortschritt“ stemmen. Was selbst bei der Zeitung, hinter der doch nur kluge Köpfe stecken sollen, zur Grünen hassenden Raserei in den Leserkommentaren führt. Und Polemiken gegen Stuttgarter Bürger, die nicht 15 bis 20 Jahre lang eine Großbaustelle, keine Immobilien-„Investoren“ und keinen verkleinerten Bahnhof haben wollen, der für zu erwartende 9 bis 15 Milliarden Euro deutlich weniger leistet als der vorhandene und der energetisch und betriebstechnisch ein Monster ist. Die aus gutem Grund davon überzeugt sind, dass Stuttgart Hauptbahnhof eine durchdachte Struktur hat und ein Baudenkmal ist, das es zu erhalten wert ist. Weil Stuttgart Hbf funktioniert. Und nichts dafür kann, dass DB Station&Service und DB Netz zwar 15 Jahre lang viele Millionen Gebühren kassiert, aber so gut wie nichts investiert haben. Wozu sie verpflichtet gewesen wären. Was jetzt renoviert werden müsste, packen DB-Vorstände dreist in die „Ausstiegskosten“. Und nahezu jeder Journalist durchschaut diesen fiesen Trick nicht, weil er die DB immer noch für eine Art Behörde hält, der man immer glauben muss. Von wegen!

Die Stuttgarter und baden-württembergischen Bürger wollen auch keine Steuergeldverschwendung, die nur wenigen nützt: dem Bahnvorstand, den Kreisen aus dem Weinberghäusle, dem ECE-Clan, dem Tunnelbohrer Herrenknecht, gewissen städtischen Beamten und vielen korruptionsanfälligen Unternehmen der Baubranche. Und jenen Politikern und willigen Befürwortern, die die Hand aufgehalten haben oder sonst sehr eigennützige Argumente für den Tiefbahnhof haben. Es wird gelogen wie gedruckt. Gegen besseres Wissen und in einem Umfang, den ich als gelernter Journalist und Politikwissenschaftler nicht für möglich gehalten habe.

Dass der sogenannte Stresstest keiner war, auf das gewünschte Ergebnis getrimmt und mit zahlreichen Tricks – einschließlich nicht vorhandenen Gleisen und Bahnhöfen – geschönt wurde, ist bekannt. Nicht nur Dr. Engelhardt hat das herausgearbeitet. Er konnte es den Journalisten kürzlich nicht so gut deutlich machen, weil die entweder nicht interessiert oder begriffsstutzig sind oder erst gar nicht solche Pressekonferenzen besuchen, weil sie Mitdenken und Nachfragen erfordern. Nur einfache Botschaften und Zitate versteht der Durchschnittsjournalist. Sätze mit drei bis vier Worten: „Wir haben einen Durchbruch erzielt.“ „Die Kosten sind klar kalkuliert.“ „Der Stresstest ist bestanden.“ „Ab Montag wird fertiggebaut.“ Selbst wenn man noch nicht einmal angefangen hat zu bauen. Oder eben: „Stuttgart 21 schafft nur 32 Züge.“ Pro Stunde, kann man immer noch erklären, falls überhaupt jemand nachfragt von diesen bleichen Schlagzeilen-süchtigen Kettenrauchern Kollegen mit dem kurzen Gedächtnis, die wie Quallen substanzlos durch die Medien schweben und einen Aufhänger suchen, der sie nicht mit Fakten oder gar Fachwissen überfordert. Guttenbergs Frisur und Merkels täglich neuen „Durchbrüche“ sind der Stoff, aus dem ihre Zeilen sind.

Journalisten sind oft mit ganz einfachen Botschaften zufrieden. Das gibt knackige Schlagzeilen und Zitate und macht weniger Arbeit. Wo man doch überhaupt keine Zeit hat!

Es gibt aber auch noch Journalisten, die neugierig sind. Äußerst sehenswert ist deshalb das Interview, das das ZDF mit dem Wiener Verkehrsexperten Prof. Hermann Knoflacher führte.

Und falls Sie am Sonntag an der Volksabstimmung teilnehmen dürfen, tun Sie’s. Stimmen Sie mit JA. Damit die Politikredakteure was zu kommentieren haben. Sie haben ja sonst nichts gelernt.

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* SPIEGEL online: Das ist doch diese Focus-ähnliche Infotainment-Website, auf der knapp über 30-jährige content mergers den über 50-jährigen Lesern was vom Pferd erzählen, das sie nur aus Wikipedia.org, English version, kennen.

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Nachtrag 26.11.: Aus gutem Grund haben die Politikredakteure verschwiegen, dass da vor allem mit www.fluegel.tv und den vielen Livestream-Reportern von www.cams21.de Gegenmedien entstanden sind, die der Deutungshoheit der der großen Verlage und des alles andere als ausgewogen berichtenden SWR etwas entgegensetzen. Technisch nicht so brillant, aber über weite Strecken fundiert und von Sachkenntnis geprägt. Dass die vielen Blogger gar nicht erst zur Kenntnis genommen werden, überrascht mich nicht. Dass diese zuweilen sprachgewandt originellere Gedanken äußern als die alte Garde, Dokumente ausgraben oder Augenzeugen zu Wort kommen lassen, geht natürlich nicht. Vorgehalten zu bekommen, dass man seinen Job nicht richtig macht, tut ja auch weh.

Die Leser, die Zuschauer, die Bürger lernten bei Stuttgart 21 so deutlich wie nie zuvor, dass sie Journalisten nicht trauen können. Ungeschickter als die Medienvertreter kann man seinen eigenen Arbeitsplatz nicht entwerten.

Momentan (18.30 Uhr) läuft hier noch bis Mitternacht eine interaktive Fernsehsendung mit Antworten auf die Fragen von Zuschauern: http://endspurt.ja-zum-ausstieg.de/

6 Kommentare

  • 1
    Lukas:

    Man sollte evtl. erwaehnen, dass Herr Grube im Gegensatz zum Herrmann gesagt hat, dass die Suedbahn mit S21 und ohne elektrifiziert wird.

    Soviel zum Thema schlechte Aussagen: Der Herrmann macht mehr oder weniger in der Region dadurch Werbung fuer S21, und Grube arbeitet dagegen^^

  • 2
    Thomas Neuhaus:

    Dazu passt sehr gut ein „Artikel“ aus der Stuttgarter Zeitung vom 24.11. von Jörg Nauke, der anscheinend einen redaktionellen Maulkorb bekommen hat, in dem die Stellungnahme der Bahn der Wikireal Vorwürfe per Link nachgelesen kann und die Antwort von Dr. Engelhardt darauf.

    http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.die-stellungnahmen-im-wortlaut-wikireal-contra-deutsche-bahn.3c1b7cfe-164e-4c10-90bd-8caf5bffbf1f.html

    Journalistische Aufarbeitung – Fehlanzeige. Die Stuttgarter Nachrichten haben komplett auf einen eigenen Artikel zu diesem Thema verzichtet und nur die dpa Meldung abgedruckt. Als aber damals die Meldung kam „Bahn besteht Stresstest“ kam natürlich ein völlig unkritischer Jubelartikel von Herrn Isenberg persönlich. Wenn man dann noch überlegt, daß beide Stuttgarter Zeitungen durch den Mantel eine enorme Verbreitung in B-W haben, wundern einen die 55% Zustimmung zu S21 nicht.

  • 3
    Friedhelm Weidelich:

    Das sieht wirklich nach Maulkorb aus. Zumal man aus Engelhardts Ergebnissen etwas machen konnte – so, wie ich es auf die Schnelle versucht habe.

    Über Isenberg lohnt es sich eigentlich kaum, ein Wort zu verlieren. Der ist ein Geschichtenerzähler mit festem Glauben, aber kein Journalist. Die Stuttgarter Nachrichten sehen sich wohl, von Joe Bauer abgesehen, als eine der letzten ideologischen Wagenburgen oder Widerstandsnester. Bei einer festen Ideologie, das sieht man ja weiter rechts, stören Fakten nur.

  • 4
    Friedhelm Weidelich:

    Wie, Sie halten Grube für glaubwürdig? Da muss ich aber schmunzeln. 🙂

  • 5
    Reality Scanner:

    Sie schreiben: „…diesen bleichen Schlagzeilen-süchtigen Kettenrauchern..“
    Also, nu wischen Sie sich mal den Schaum vom Mund, solche abseitigen Bemerkungen sind überflüssig und schaden Ihrem Beitrag.
    Abgesehen davon – nix gegen Kettenraucher – die sind dank fehlender Raucherabteile do eher nich so pro Bahn. Und in welcher Pressekongerenz oder redaktion darf überhaupt noch geraucht werden, und schon gar Kette. Wohl nicht nur viele alte Loks, sondern auch alte Filme gesehen?

  • 6
    Friedhelm Weidelich:

    Verehrter Kollege,
    gestatten Sie mir, den Schaum ein wenig abzuwischen. Da habe ich Schlagzeilen- und Nikotinsucht zu sehr vermischt. Geraucht wird selbstverständlich nur draußen, wo es mich nicht stört.
    Die österreichische Westbahn fährt demnächst mit Raucherabteilen, wenn nichts dazwischenkommt. Falls Sie mal zwischen Wien und Salzburg rauchen wollen. 😉

 
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