Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Österreichs neue Westbahn macht von sich reden – nicht immer positiv

09.12.11 (Bahnindustrie, DB, Deutschland, Eisenbahn, Fernverkehr, Marketing, Österreich, Personenverkehr, Triebwagen)

Ein bisschen bunt und wegen der weißen Farbe sehr verschmutzungsanfällig sind die neuen Westbahn-Züge (Foto: Westbahn)

Die österreichische Westbahn, an der die französische SNCF zu 26 % beteiligt ist, startet am Sonntag mit neuen Stadler-Zügen auf der Strecke Wien – Salzburg – Freilassing. Die Markteinführung, von Ferne betrachtet, verlief nicht besonders elegant. Da forderte Westbahn-Investor Haselsteiner, die hier mit dem Railjet durchaus konkurrenzfähige und ebenso wie die DB staatlich alimentierte ÖBB solle doch die Preise erhöhen. Für PR-Strategen klingt das wie die Angst vor der eigenen Courage und vermittelt die Botschaft: „Wir würden gern mehr verlangen und verdienen zu wenig.“ Gute Marktkommunikation geht anders. Wie die Reaktionen auf Twitter und in den Leserkommentaren zeigen, richtet Geschäftsführer Wehinger, ex-ÖBB-Mitarbeiter, gerade ein PR-Desaster an.

Aber es kommt noch dicker: Jetzt will die Westbahn gegen die angeblich zu niedrigen Preise der ÖBB klagen. Ob das gut für’s Image ist?

Elegant und bequem scheinen die Plätze im Oberdeck zu sein, nur die multiple Westbahn-Beschriftung ist optischer Müll (Foto: Westbahn)

Unsportlich verhält sich allerdings die ÖBB beim Westbahn-Fahrplan, der immer noch nicht in das öffentliche Verkehrs-Auskunftssystem Scotty (ähnlich DB-Navigator) integriert ist. Am 10.12.11, 10 Uhr, war der Fahrplan der Westbahn nur separat ausgewiesen. Die Westbahn hatte das erst mit einer einstweiligen Verfügung durchsetzen können und will ab Sonntag überwachen, ob die die Züge in Scotty und auf den Bahnhöfen angekündigt werden. Ich erinnere mich an ähnliche Kämpfe in Deutschland, noch zu Zeiten eines gedruckten DB-Kursbuchs. Ein bisschen viel Wiener Schmäh war auch im Spiel, als die ÖBB-Pressesprecherin die Westbahn mit „Herzlich willkommen, französische Staatsbahn!“ begrüßte. Einen weiteren illustrierten Bericht finden Sie hier. Wie „Die Presse“ die kleinen Mängel des Stadler-Zugs unverblümt kommentiert, würde sich in Deutschland niemand trauen. Die fehlenden „Mistkübel“ sind auf Österreichisch Abfallbehälter. Bei einem Zug klingt Mistkübel schon etwas derb. 😉

Etwas geschickter war die Ankündigung von Raucherzonen in den neuen Doppelstockzügen. Das ist zwar ein Verstoß gegen auch in Österreich geltende Gesetze, brachte aber wenigstens viel publizistische Resonanz. Und ein paar Raucher werden es ja auch angenehm finden. Nichtraucher in dem weitgehend offenen Zug eher nicht.

Mit weißen Zügen hat man in Deutschland reichlich Erfahrung, und dass Weiß keine gute Farbe für Schienenfahrzeuge ist, habe ich oft genug geschrieben und gezeigt. Nicht umsonst verwenden viele Bahnen ein dunkles Rot, weil man darauf Flugrost und Staub kaum erkennt. Und wie schnell ungepflegte weiße Züge versifft sind, zeigt die DB mit ihren ICE und IC, bei denen manchmal nur die Tasten zur Türöffnung notdürftig abgewischt sind. Nicht alle sind schmutzigbraun, aber doch immer mehr Züge. Und so wird auch die Westbahn noch einmal die Erfahrung machen müssen, dass die häufige Benutzung von Waschanlagen Zeit und Geld kostet und nicht eben umweltfreundlich ist.

Auch ein Farbentwurf von Spirit Design: Wiener Flughafenlinie CAT mit ausnahmsweise rotem Siemens-Taurus (Foto: Friedhelm Weidelich)

Lustigerweise kommen die Designs des roten Railjet der ÖBB und des ebenfalls mit lindgrünen Farben spielenden Wiener Flughafenzugs CAT von denselben Designern. Was nicht gegen sie spricht, denn wer bestellt, hat auch das letzte Wort. Bei der Selbstdarstellung gibt es eben zwischen dick aufgetragen und dezent und selbstbewusst eine Menge Spielarten. Die Westbahn hat sich auf bunt und laut festgelegt. In fünf Jahren wird es niemand mehr sehen wollen.

Eine Mischung aus traditionellem Ostblock-Design und Pan American 1958: Westbahn-Uniform (Foto: Westbahn)

Ein völliger Missgriff ist jedenfalls die Uniform der Zugbegleiterinnen mit riesigen Schiffchen und bunten Schulterklappen. Man fühlt sich sofort in das Jugoslawien Titos oder an die albanische Grenze zurückversetzt. Bei Twitter fragte stylekingdom mit Recht: „Gehört die Westbahn den Kommunisten? Was sind das für Uniformen?“ Sinkthesucker fragt, „warum mit ausgedienten Aeroflot-Uniformen?“. Ein größere Geschmacksverirrung erscheint bei den Eisenbahnen des 21. Jahrhunderts schwer vorstellbar.

Gibt es auch was Gutes? Ja! Kostenloses WLAN im Zug. Futurezone.at hat es bei der Pressefahrt heute getestet und für passabel befunden.

Die Deutsche Bahn käme natürlich nicht auf so eine Idee, wenigstens BahnCard-Besitzern oder in der 1. Klasse solchen Service zu bieten. Da muss erst ein Mitbewerber kommen. Wenn der nicht auch Verspätung hätte.

Die ÖBB zieht übrigens nach und bietet ab 11.12.11 kostenloses WLAN in mehreren Zügen an.

 
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