Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Märchenhaft: Wie Stuttgart 21 anfing und endete

27.01.12 (Bahnhöfe, Deutschland, Eisenbahn, Marginalien, Satire)

Wenn es nichts mehr zu lachen gibt, kann man immer noch versuchen, gegen den realen Irrsinn anzulachen. Ein satirisches realitätsnahes Märchen kann dabei vielleicht helfen.

„Wähle nur den trockenen Fluss, dein Fundament darin zu gründen“

(Frei erfundenes japanisches Sprichwort.) Japanische Tempelanlage in Düsseldorf, fotografiert von Friedhelm Weidelich. Rechts der kiesbedeckte Trockenbach.

 

Es waren einmal ein paar schwäbische Honoratioren. Sie kannten sich seit Jahrzehnten, liebten Wein und Weib, aber keinen Gesang. Denn böse Menschen haben keine Lieder. Sie wählten schon ihr Leben lang CDU, weil sie etwas verändern wollten und fuhren einen Daimler ohne Kofferraumdeckelbeschriftung. Denn niemand sollte erkennen, ob es eine S- oder E-Klasse wäre und wieviel Hubraum das bescheidene Sonntagsgefährt hatte. Während der Woche nahmen sie den kleinen Diesel – sofern sie überhaupt noch selbst fahren mussten.

Die Honoratioren hatten sich wieder einmal im Weinberghäusl etwas an Acolon berauscht, weil der preiswert war und trotzdem ein wenig französisch schmeckte. Im Grunde ihres Herzens waren es schlichte Menschen, die einfach gute Geschäfte machen wollten und wussten, dass sie sich auf CDU, FDP, IHK, Landräte und Bürgermeister verlassen konnten. Denn es galt ja, voneinander zu profitieren und die Zukunft zu gestalten. Die eigene jedenfalls, wegen der Kinder. Denn die sollten es einmal besser haben. Und noch ein Cabrio dazu, denn es würde ja heißer werden wegen der Umwelt.

Berauscht, wie sie waren, planten sie, die Welt zu verändern. Diesmal sollte es Stuttgart sein. Eine Stadt, die schon das schönste Rathaus und den elegantesten Marktplatz Europas hatte, die breitesten Straßen und die meisten Ampelblitzer. Ein kleines Zugeständnis an das pietistische Weltbild der Bewohner, die nicht nur ihr Auto liebten, sondern auch die soziale und polizeiliche Kontrolle, sofern sie einen selbst nicht traf.

„Seyd ihr scho mal mitm Heligoppdr gfloga?“, fragte der, dem es schon Gewohnheit geworden war. „Oimol, aber scho lang här“, sagte der Eine, und der Andere guckte etwas skeptisch. Schon bald schwebten sie über Stuttgart, ergötzten sich ob der breiten Straßen für den neuen Panamera und der Brache am Bahnhof, wo später einmal die neue Bibliothek stehen sollte. Fernab aller Menschen, aber nah genug an den breiten Straßenschneisen. „Biecher sind die Zukunft“, rief der Eine aus, der noch das altsprachliche Gymnasium besucht hatte und noch nichts vom Telefon ohne Kabel dran und vom Internetz gehört hatte. Der Andere liebte den Geruch von frischem Beton, weil sein Vater Betonfacharbeiter gewesen war und er seine Lehre hatte abbrechen müssen wegen der Parteikarriere. „Des alde Bahnhofsglomp muss weg“, sagte einer, der weder Deutsch, Schwäbisch noch Englisch konnte. „Mai näue Fraindin wär fir a greeßeres Aikaufszentrumm mittem Houfe Parkpletz. Das ischt bequäm fier die Menschen von unserer Landeshauptschdadd.“ „Ond dr Luigi, wo der Scheff vo maim Idaliener isch, hot gsait, är tät oin kenna, wo a baar hondert Milliona naistecka tät, oiner vo weidr onda in Italie“, sagte der Andere, bei dem man nicht sicher heraushören konnte, ob er von der Alb kam. „Subba, däs wird gmacht. I ben eh scho hundert Johr nimme Zug gfahre. Seyd däm Mähdorn klappt jo nix meh bey dehna, hanni in der Bild-Zeydong gläse“, sekundierte der Dritte. Es können aber auch vier gewesen sein.

Und so kam es, dass der Kopfbahnhof weg musste. Denn Bauen ist Fortschritt, und wie viel Talent die Stuttgarter in dieser Hinsicht besaßen, hatten sie ja schon bewiesen, als sie ihre Königstraße zur einzigen Einkaufszone des Landes machten, in der man ab 18.30 Uhr ganz allein flanieren konnte. Ganz sicher in Begleitung einer Mauser oder einem unauffälligem Produkt von Heckler & Koch im Kittel oder Handtäschle.

Die Pläne für den neuen Bahnhof lagen noch in der Schublade, erinnerte sich einer der Unternehmungslustigen. Er hatte da mal was auf dem Schreibtisch gehabt. Ein alter Professor, der niemals Zeit gehabt hatte, eine Märklinbahn mit vielen Tunneln zu bauen, hatte mal einen Plan gezeichnet, der doch irgendwie zu gebrauchen sein musste. Denn das neue Bahnhöfle sollte unter den Boden, um das Gleisfeld den Baulöwen als Filetstück zu servieren. Schade nur, dass die Deutsche Bahn AG damals kein Interesse gezeigt hatte.

Das hatte sich erst geändert, als die Stadt Stuttgart der Deutschen Bahn das Grundstück für hunderte Millionen abkaufte, das sie einst der Königlich Württembergischen Staats-Eisenbahn ausgeliehen hatte und das ihr wohl noch gehörte. Hei, das gefiel nun den Bahn-Oberen, die von der Welt AG träumten und in der Mongolei und Absurdistan so gern investierten! Warum denn nicht auch in Stuttgart, wenn es keinen Pfennig kostete und man an den Planungskosten kräftig verdienen konnte? Da man den letzten Welt-AG-Träumer nach einem fröhlichen Bad in römischen Brunnen zu feuern gedachte und er keine Verwendung mehr für seinen Fusions- und Fusionstrennungshelfer hatte, machte man Letzteren zum neuen Bahnchef. Vielleicht auch, weil sein Familienname so gut passte. Ehrgeizig, wie er war, würde er schon genug Schneid haben, das Milliardenprojekt straff durchzuziehen. Zumal es das einzige Großprojekt der Erde war, das niemals teurer als geplant werden sollte. Ein perpetuum mobile irgendwie, nur anders. Jedenfalls saugut und rundum genial!

Listig, wie der Obstbauernsohn aus dem hohen Norden gelegentlich sein konnte, stellte er eine Bedingung: „Der Bahnhofsturm bleibt stehen! Er soll alle an meinen letzten Arbeitgeber erinnern, dem ich mich weiterhin verpflichtet fühle. Denn die Autoindustrie ist das Wichtigste, was wir in Deutschland haben.“

So sprach er, denn er wusste nicht, dass die Bahnindustrie und die Bahnunternehmen nicht viel weniger Mitarbeiter haben als die ganze Autoindustrie. Und weil die Beerdigung eines Bahnhofs ein heikles Unterfangen war und es unter den Augen der pfennigfuchsenden Schwaben nicht leicht werden würde, so viele Milliarden herauszulocken, suchten die Beamten, Unternehmer und Parteifreunde einen Architekten nicht rund um Stuttgart, wo Planer von Weltgeltung zuhause waren. Der Bahnhof an sich, eine Senkgrube mit wenigen Gleisen, war ja kein Hexenwerk. Eher ein langweiliger Ingenieurbau, den auch ein junger Absolvent planen konnte. Zwar wusste man schon von Heilwässern und gewaltigen Grundwasserströmen, die unter dem Bahnhof hindurchflossen. Aber die würde ein Betontechniker schon in den Griff bekommen. Hatte doch die Bauchemie bewiesen, dass sie mit Kunstharz auch üble Risse abdichten konnte, jedenfalls bis zum Ende der Gewährleistungsfrist.

Es kam aber auf einen schönen Deckel an, dafür brauchte man einen findigen Stararchitekten. Jedenfalls einen, den man mit diesem Attribut den misstrauischen und gleichermaßen leichtgläubigen Schwaben verkaufen konnte. „Mir brauchet oina, där wo Hochdeutsch kann“, sagte jener, der immerhin „Stuttgart 21“ als Projektnamen erfunden hatte. „Ond en Blender“, warf ein anderer weltmännisch ein, „des isch hoikel mit so aim Immobilieprojekt.“ „Aber wo findä mr so’n Schpetzialischt?“, fragte der, der nach einem Frauenhygieneprodukt benannt wurde. „In Disseldorf!“, triumphierte der Unternehmer, der hin und wieder die gleichgroße, aber weit mondäner wirkende Großstadt am Rhein besucht hatte, in der die Frauen immer Sonnenbrillen trugen, größer und in der Regel hübscher waren, sich elegant zu kleiden wussten und ihren Pelz nicht im Daimler versteckten, sondern selbstbewusst im Porsche Cabrio, Ferrari, Bentley oder SLK vorzeigten, den sie ebenso selbstverständlich selbst lenken durften. Hummer fuhr man hier nicht, man aß ihn gelegentlich im Hummerstübchen bei einem Glas Champagner irgendeiner Witwe. Nicht alles waren Gattinnen hart arbeitender Banker und Vorstandsvorsitzenden. Hart arbeiten und hart feiern gehörte in Düsseldorf seit jeher zur Tradition wie in Stuttgart auch, nur dass man in Stuttgart eher gar nicht oder nur im Verborgenen feierte. Es könnte ja jemand zugucken.

Der Architekt war in Düsseldorf schnell gefunden. Er beherrschte das Blenden wie kein Zweiter. Denn die Düsseldorfer können wirklich alles und reißen die Stadt für eine U-Bahn auf und fällen Bäume, ohne dass jemand dagegen protestierte. Der große Rheinländer präsentierte also Zeichnungen, die nur ein junger Künstler an der Düsseldorfer Kunstakademie entworfen haben konnte, so licht und luftig waren sie. Doch ein Tropenhaus hatte man schon in der Wilhelma und so kam es, dass ein Sargdeckel entworfen werden sollte, dem man seine Form nicht ansah. Rasch präsentierte der beredte Düsseldorfer Durchblicke zu alten Bäumen und ein paar Krötenaugen, die ihm ein anderer Bauherr schon Jahre zuvor als 70er-Jahre-Scheiß um die Ohren gehauen hatte, weil die Universität Konstanz voll davon war. Doch die wenig gereisten Stuttgarter Honoratioren, die Eliteuniversitäten – wann immer möglich – gemieden hatten, verliebten sich in die Krötenaugen und das Versprechen, dass die ein- und ausfahrenden Züge das Raumklima so gut regeln würden, dass kein unnötiges Kilowatt verschwendet werden würde. Denn die schlaue DB Station & Service AG, die für jeden einfahrenden Zug ein erkleckliches Sümmlein kassierte und in die eigene Tasche wirtschaftete statt zu investieren, hatte zur Bedingung gemacht, dass die Stadt die Betriebskosten auf hundert Jahre tragen müsse. Schließlich schenke die Deutsche Bahn ja den Bürgern diesen einzigartigen Bahnhof von Weltgeltung, da müsse man schon ein wenig Entgegenkommen erwarten.

„Gut“, sagten das Oberbürgermeisterlein und jene Gemeinderäte, die sich für schlau hielten. „Am Tag haben wir ja die Lichtaugen, da sparen wir uns den Strom fürs Licht. Und bei Nacht ist es ja sowieso dunkel. Aber weil die Züge beleuchtet sind und das Licht bei der Bahn noch ganz gut funktioniert, brauchen wir gar keine Beleuchtung mehr. Wenn alle 90 Sekunden ein Zug einfährt, ist es immer irgendwo hell.“ Das musste für die sozial schwachen Bahnreisenden genügen, denn eigentlich waren die Stadträte keine Freunde des Bahnfahrens. Wie sie überhaupt keine Menschenfreunde waren, denn ihre Amtspflichten nutzten sie seit alters her am liebsten, um sich selbst oder guten Freunden Geschäfte zuzuschustern. Warum sonst sollte man sich die schlecht bezahlten Sitzungsstunden um die Ohren schlagen? Zumal selbst gut bezahlte Beamte nicht ausschlugen, dem einen oder anderen Bauunternehmen beratend und in anderer Weise hilfreich zur Seite stehen zu wollen.

In den gemütlichen Redaktionsstuben würde sowieso keinem auffallen, dass der Jenseits-Bahnhof eigentlich ein Immobilienprojekt war, eine Baulandgewinnung unter Freunden. „Lasst uns in Ruhe, dann wollen wir von euch nichts. Nur ausführliche Pressemitteilungen müsst ihr uns schicken, sonst haben wir nichts zu schreiben“, hieß es unisono von den Fildern und den anderen warmen Redakteursstuben in der phlegmatischen Stadt. „Jene, die in der Redaktion gegen den Fortschritt der Bauwirtschaft sind und nach Feierabend arbeiten wollen, bringen wir schon noch zur Raison.“ Die Redakteure waren schon lange nicht mehr in die Innenstadt gekommen. Rund um Stuttgart kaufte man billiger ein, die Parkplätze waren breiter und kosteten nichts. Und auch die Kneipen waren einladender. Was sollte an einem Bahnhof überhaupt interessant sein?

„Stuttgart 21 ist die Zukunft, wir werden das Herz Europas!“, hatte ihnen einer zugerufen. Nicht schlecht, denn weil sie sich lange wie der Arsch und unbeachtet gefühlt hatten trotz ihrer technischen Spitzenleistungen und ihres Fleißes, so klang es wie ein Aufstieg. Wenn sie schon nimmermehr der Kopf Europas sein konnten, so wollten sie doch gern das Herz sein. Egal, wie kalt es auch sein mochte.

Die weitere Geschichte ist rasch erzählt. Als jene Bürger auf die Barrikaden gingen, die sich Sorgen um ihre Stadt machten, den Schlossgarten und das milliardenteure Projekt, das sie mitbezahlen sollten, passierte nicht viel. Unterschriftenlisten wurden verworfen, und weil das bestgeplante Projekt der Erde irgendwie nicht vorangehen wollte und die Bürger montags gegen Stuttgart 21 demonstrierten, zeigte der Mann aus dem hohen Norden, der den Vornamen Bahnchef geerbt hatte, ein einziges Mal Entschlusskraft: Er riss den Nordflügel ab.

Und weil es immer noch Widerspenstige unter den Bürgern des Landes gab, erzählte man ihnen und den staunenden Journalisten etwas von Paris und Bratislava. Auf diese Idee war ein Mitglied der Jungen Union gekommen, der Saint-Exupéry gelesen hatte: „Wenn du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten endlosen Meer.“

Bratislava! Das hatte man in Stuttgart noch nie gehört. Ein Wort, das Sehnsüchte nach der Ferne weckte,  geheimnisvoll und exotisch klang! Nach Hackbraten mit scharfen Soßen. In Paris waren dagegen schon einige gewesen, in Uniform. Hatte ihnen nicht einer der wenigen Aufsteiger, die es in andere Großstädte und den Helikopter geschafft hatten, erzählt, dass westlich von Paris keine Menschen mehr lebten und nur Kühe die Wiesen bevölkerten? Sie glaubten es gern, weil man in Stuttgart noch an Autoritäten glaubte, denn die sagten immer die Wahrheit oder wussten zumindest immer, was man zu denken hatte. So lebte es sich leichter.

Den Belesenen von eben aber warfen die Herren der Jungen Union ganz unchristlich aus dem Verein, weil sie keinen ohne Mensur und schon gar keinen Intellektuellen in ihren Reihen haben wollten. Er schreibt nun dicke Bücher und nennt sich Philosoph. Manchmal sieht man ihn im Eingangbereich des Bücherknasts sinnend an der Zentralpfütze kauern.

Es dauerte noch viele Jahre, bis der neue Bahnhof fertig war. Brot und Spiele sollten das Volk davon überzeugen, dass kein Mensch die Absicht habe, einen vernünftigen Bahnhof zu bauen, weil man ihn ja schon hatte und die Altvorderen noch wussten, wie Bahnbetrieb funktioniert. So holte man den alten Fuchs aus der Versenkung, dessen Worte kurz wie Peitschenhiebe klangen. Auch Phoenix, der Sender für abgelegte Moderatoren, und die Bürgerjournalisten von Flügel.tv und Cams21 sendeten, was das Zeug hielt. Nur der SWR sendete gar nicht, weil Eisenbahnen dort generell als romantisch und von gestern bekannt sind und es keinen Reiseveranstalter gibt, der Sonderzüge nach Bratislava fahren will. Als die Redakteure dieses Städtchen nicht in Baden-Württemberg fanden, erachteten sie das Thema erst recht als nicht relevant. Berichte über Montagsdemonstrationen lehnten sie schon deshalb ab, weil sie Wert auf einen pünktlichen Feierabend legten. Dafür gab es dpa, und die kopierten ja schon alles, was ihnen die Polizei und die Bahn als Pressemitteilung schickten. Das musste für das gebührenzahlende Volk genügen. Schließlich hatte man den Journalismus nicht erfunden und war jahrzehntelang ohne ihn ausgekommen. Zumal man in der Villa Reitzenstein und im Polizeipräsidium eine loyale Berichterstattung für selbstverständlich hielt. „Sie wissen, was ich von Ihnen erwarte“, hatte ihnen ein Herr mit dem Hang zu Alleingängen einmal mit funkelnden Augen gesagt, und das ließ man sich in Stuttgart nicht zweimal sagen.

Die Geißler-Show hatte wie eine Geisterbahnfahrt gewirkt, in der Professoren Experten zu mimen versuchten und doch zeigten, dass sie vieles nicht durchdacht hatten und deshalb immer optimistisch waren. Widerlegtes tauchte beim nächsten Mal so obstinat auf wie der spät entdeckte Käfer und sein Gegenstück mit ähnlichem Namen. Als die Zuschauerquälshow schließlich mit einer Schaueinlage endete, interessierte sich niemand mehr für das erfundene Ergebnis. Warum auch: Schließlich hatten finstere Mächte den Bahnchef gezwungen zu bauen. Er konnte gar nicht anders, der arme Tropf!

Am japanischen Tempel in Düsseldorf (Foto: Friedhelm Weidelich)

Die Grünen zogen, als Dank für die gewonnene Landtagswahl, eine Volksabstimmung durch und nahmen das als Ausrede, den Irrsinn bis zu 900 Millionen Steuerverschwendung zu legitimieren, das Projekt als „von der Bevölkerung gewollt“ hinzustellen und das Politikmachen achselzuckend zu beenden. Was kümmerten da gesunder Menschenverstand, die unerlaubte Mischfinanzierung, technische Probleme, Schräglage, mangelnde Brandvorsorge, geringere Kapazität und geschönte Baukosten? Wie viel glanzvoller war doch das Elektroauto, wie viel wichtiger ordentliche Straßen, die die Autolobby vergessen hatte durchzusetzen in Jahrzehnten des Filzes. Denn wer einst durch die Dörfer schlich, könnte das künftig elektrisch tun und fast geräuschlos. Die SPD machte derweil CDU-Politik. Denn sie wollten Freunde werden, sofern sie es nicht schon waren. Wie sonst auch leistete sich ein SPD-Innenminister einen CDU-Polizeichef?

Die Stuttgart-21-Freunde investierten noch einmal ein paar Millionen in die Propaganda, nachdem man die alten Wasserwerfer und die neue Kampfausrüstung der Polizei erfolgreich ausprobiert hatte. Das zerstörte Vertrauen in den Rechtsstaat bei Schülern und Rentnern musste man als Nebeneffekt in Kauf nehmen, und die Staatsanwaltschaft tat alles, dieses Gefühl zu manifestieren. Dann richtete die Deutsche Bahn ein Grundwassermanagement ein, das illegal war. Später fiel auch der Südflügel des denkmalgeschützten Bahnhofs, dann die Bäume im Park. Die Zerstörung, Teil 1 der Bauprojekts, war getan.

Doch niemand fand sich für das Technikgebäude und den Bahnhofstrog, auch nach der zweiten Ausschreibung nicht. 2014 konnten Züge nur noch mit Polizeischutz einfahren. 2016 bot die DB die SchuttCard als kombinierten Passierschein und Rabattkarte für die verödete und von starken Polizeikräften bewachte Königstraße an. Der stark zurückgegangene Bahnverkehr wurde mit Subventionen des Landes etwas angekurbelt, für 9 Euro kam man von überall ins stickige und staubige Stuttgart. „Die Staublunge Europas“ lästerte bereits der Spiegel auf der Titelseite.

Nichts ging voran bei der Strecke zu den Fildern, das Planfeststellungsverfahren klemmte auch 2020 noch. Und weil man nach Probebohrungen festgestellt hatte, dass der Tunnelbau rund um Stuttgart, wie von den Gegnern behauptet, tatsächlich gefährlich war, der Milliarden Liter spuckende Nesenbach den Bahnhofstrog zerstören und die Bahnhofshalle und den Turm ins Rutschen bringen könnte, zeigte die Deutsche Bahn wieder einmal wirtschaftliche Vernunft. Sie stellte den de facto niemals begonnenen Bau endgültig ein, nachdem die Landesregierung die Hälfte der angefallenen „Baukosten“ von inzwischen 9 Mrd. Euro übernommen hatte.

Im Schlossgarten, den die von der SPD geführte rotgrüne Landesregierung 2012 entwidmet hatte, betreibt DB Bahnpark nun erfolgreich einen Großparkplatz. Unter der neuen schwarzroten Landesregierung wurden der Nord- und der Südflügel in Stahlskelettbauweise mit Glasfassaden wieder aufgebaut. ECE betreibt die Läden und das Hotel darin, die DB Station & Service AG verdient gut daran. Die Stadt Stuttgart hat für 200 Millionen Euro die arg heruntergekommene Bahnhofshalle saniert und ist völlig überschuldet. Die Bevölkerungszahl hat sich  halbiert. Im Gebäude der nach der Pleite aufgelösten LBBW arbeitet ein Logistikunternehmen, das die wenig genutzten Gleise am Kopfbahnhof für den schnellen Schienengüterverkehr nutzt.

DB Projektbau China – auch scherzhaft DB Destruction oder ernsthafter DB Global Structure Enhancement genannt – plant auf dem Großparkplatz den höchsten Wohnturm Europas, meldet der verbliebene einzige Redakteur der Stuttgarter Zeitung online, der nur noch Agenturmeldungen online stellt. Die Papierausgabe wurde wegen des seit 2010 anhaltenden Leserschwunds schon lange eingestellt. Das Hochhaus soll Schlossgartenresidenz 3000 oder Stuttgartower 1000 heißen und preiswerte Appartements (30 €/qm), ein Höhenrestaurant und eine kleine Sternwarte enthalten. Die Bauhöhe von 753 Meter ergibt sich aus der Meereshöhe der Turmbasis im ehemaligen Schlossgarten. Auf der Turmspitze in exakt 1000 Meter über Normalnull wird weit sichtbar der Mercedes-Stern mit den drei Schriftzeichen für Glück, Gewinn und Weltherrschaft in den Dreiecken leuchten. Die chinesischen Investoren bei Daimler und der Deutschen Bahn wollen es so, zumal der Bahnhofsturm durch die Grundwasserabsenkung 2013 in Schieflage kam. Dafür haben sich auf der Restfläche des Schloßgartens starke Quellen entwickelt. Der Nesenbachsee dient nun als Heilfreibad. Der Bücherknast zeigt bereits heftige Bauschäden wegen des Sumpfgebiets darunter. Der Hochhausbau wird von den Investoren übrigens als „gut beherrschbar“ bezeichnet.

Im neuen Kopfbahnhof 2500 in weitgehend primitivem Investoreningenieurbau erinnert nur ein schmaler Gang mit einem japanischen Steingarten an Stuttgart 21. Der Architekt hatte so etwas am japanischen Tempel in Düsseldorf gesehen und zur Tarnung des Bahnhofs-Sargdeckels, der ein wenig an Tschernobyl erinnerte, empfohlen. „Wenn die Garten hören, sind die doch zufrieden. Man muss denen doch nicht sagen, dass er aus Stein ist“, soll er damals gesagt haben.

Und wenn sie nicht gestorben sind, so planen sie schon weiter.

 

Lange schallt’s in Stuttgart noch:

Lobbyismus lebe hoch!

 

(Diese Geschichte ist frei erfunden und hat rein gar nichts mit der Realität zu tun. Und wenn, dann wäre es blanker Zufall wie alles in Stuttgart.)

 

19 Kommentare

  • 1
    Josef Keck:

    Leider wird es so kommen, wenn in absehbarer Zeit ein Wunder gescheit. Wenn der jetzigen Landesregierung der Befreiungsschlag nicht gelingt, sich von der DB vorführen zu lassen. Man muss der DB (Herrn Grube) aufzeigen, wenn sie ohne eine komplett genehmigte Gesamtplanung für S21, den Südflügel abreist und die Bäume im Schlossgarten fällt für den gesamten Schaden und die entstandenen Kosten aufkommen muss. Ohne Wenn und Aber!

  • 2
    herr stoltenhoff:

    sehr schön, herr weidelich. köstlich.
    ich wäre wirklich für eine gepflegte, kleine druckausgabe.

  • 3
    Friedhelm Weidelich:

    Danke, darüber wäre nachzudenken. Es fehlen leider noch etwa 250 weitere Aspekte und die Berliner im Hinter- und Untergrund, aber bis zur Einstellung des Projekts schätzungsweise 2015 könnte ich eine Art Sammelband mit Nachlieferungen anbieten. Wenn sich dann ca. 2040 endlich demokratische Strukturen in Baden-Württemberg herausgebildet haben und die Printmedien Geschichte sind, hätten meine satirisch angehauchten Unterlagen sicher archöologischen Wert. Die Berichterstattung der Zeitungen ist ja linear (Wiedergabe der Pressekonferenz, ohne über Gesagtes nachzudenken oder eigene Schlüsse zu ziehen), interessen- und nicht intelligenzgesteuert, also für kommende Generationen wertlos. Aber es gibt dann ja noch 180.000 Stunden Videomaterial von Cams21 und Flügel.tv… Und 12 Minuten vom SWR.

  • 4
    M. Schmidt:

    :)))

    Vielen Dank!

    Es ist ganz wichtig, das Lachen nicht auch noch zu verlieren – gerade dann, wenn es den Anschein hat, dass es überhaupt nichts mehr zu lachen gibt.

    …ein Gegen-Lesetipp für Sie: Kretschmann. Ein Wintermärchen

  • 5
    Friedhelm Weidelich:

    Vielen Dank ebenfalls. Den Seriousguy lese ich immer gern, da werde ich gleich reinschauen.

    PS: Glänzend geschrieben und Kretschmanns Sprache hervorragend beobachtet und persifliert. Ich hatte dieses Wintermärchen noch gar nicht gelesen, als mir gestern die Idee zu meinem Stück kam. Wenn zwei auf diese Idee kommen, dann war’s wirklich Zeit dafür. Vielleicht zieht die KontextWochenzeitung, die Anfragen nicht beantwortet und sich furchtbar wichtig nimmt, ja noch nach… 😉

  • 6
    M. Schmidt:

    Kontext:Wochenzeitung?… Meinen Sie die etwa die Stuttgarter Zeitung 2.0 im Bonsai-Format?
    Klar nehmen diese Bettgenossen der Polizei sich furchtbar wichtig, denn „auch Zwerge werfen lange Schatten, wenn die Sonne tiefer steht“. (Ich darf so rumlästern, denn ich bin tatsächlich lediglich „Konsument“, gehöre dieser Gilde nicht an. -Ich lese lieber „Freitag“ oder „Einundzwanzig“. Oder Ihre Artikel. Dank an Sie übrigens auch einmal für all die anderen tollen Beiträge auf dieser Seite, die Sie unermüdlich schrieben und einstellten.)

  • 7
    Friedhelm Weidelich:

    Ja, die meine ich, liebe Frau Schmidt. Ein Medium, dass verhältnismäßig (!) kritisch und investigativ gestartet ist und nun ab und zu ein Wattebäuschchen wirft. Verborgen hinter fein ziselierten Sätzen, die einerseits hochkritisch sein wollen, andererseits aber keinem wehtun sollen. Die können den Finger zwar in die Wunde legen, ziehen ihn aber schnell zurück, wenn das warme Blut fühlbar wird. So weit wollten die dann doch nicht gehen… Vom Tiger zum Bettvorleger ist der Weg manchmal kurz.

    Eigentlich schade, denn der Ansatz war gut. „Freitag“ ist viel besser aufgestellt, mit Biss und klaren Meinungsäußerungen. Abgrundschlechte Berichte über Pressekonferenzen (wenig verstanden, nicht nachgefragt, schon gar nicht hinterfragt und mit älteren Informationen verglichen) sind Journalismus von gestern. Und den machen nicht nur die Stuttgarter Zeitungen (von einzelnen mutigen, intelligenten Individuen in den Redaktionen abgesehen), sondern auch jene Blätter, hinter denen die Werbung kluge Köpfe sehen möchte. Entsprechend fehlsichtig sehen auch die Leserkommentare aus.

    Nochmals herzlichen Dank.

  • 8
    M. Schmidt:

    Vom Tiger zum Bettvorleger ist der Weg manchmal kurz.

    M.E. sind die ja schon einen Schritt über den Bettvorleger hinaus – und mitten rein in die Mainstream-Demagogie: die wiederholten, selbstverliebten Apologien des Scheffredaktörs zu seinem One-Night-Stand mit der Polizei sind evidente Gehirnwäsche… und sind somit weitaus perfider, als etwa die FAZkes, von denen man ja zumindest weiß, für wen sie schreiben…

  • 9
    Friedhelm Weidelich:

    Wie recht Sie haben! Freudenreichs Einlassung mit diesen Sätzen ist sprachlich fein ziseliert und von einer Zahnlosigkeit, die für mich nicht nachvollziehbar ist: „Wer sich gar den Luxus des Lächelns erlauben wollte, selbst der fand dafür einen Anlass. Er durfte sich mit der „Stuttgarter Zeitung“ vergnügen, die schon am Vorabend der Räumung wusste, wie sie ausgehen würde. In einer feinen Reportage erzählte sie dem Leser am Donnerstag, den 12. Januar, um 21.30 Uhr, wie friedlich der Abtransport der Demonstranten am Freitag, den 13., um vier Uhr morgens verlaufen ist. Aber auch hier gilt: bitte nicht gleich nach dem Presserat rufen. Es war ein nur technisches Versehen.“

    War es nicht, denn noch am Morgen erschien die fiktive Reportage mit ein, zwei geänderten Worten in der nächsten Druckauflage erneut. Aber er scheint es ja genau zu wissen. „Für solcherart Hochmut und Naivität könnte man einen Journalisten vielleicht verurteilen“, würde er feinsinnig schreiben.

    Ich hielt ihn mal für einen respektablen, mutigen Kollegen. Nun verachte ich ihn als selbstverliebten Schwätzer ohne Haltung und Konsequenz.

  • 10
    Thomas Neuhaus:

    Zum Thema Kontextwochenzeitung klinke ich mich jetzt auch mal ein und oute mich als freiwilliger Abonnent umd dem ganzen vielleicht doch noch zum großen Auftritt zu verhelfen – auch wenn ich die hier geäußerte Kritik voll und ganz teile. Freudenreichs Bücher zum Filz in Baden-Württemberg und der BRD gehören wohl mit zum besten überhaupt – um so mehr wundert mich auch die zunehmende „Leere“ der Artikel in der Kontext. Kein Artikel zum Stresstestbetrug, kein Interview(!) dazu, nachdem sich Herr Engelhardt in seinen Präsentationen ja leider etwas ungeschickt anstellt – erinnert mich an ungeliebte Vorlessungen in der Uni – aber Pressekonferenzen waren das nicht. Kein Artikel zur bevorstehenden Klage der Privatbahnen und deren rechtliche Einschätzung, oder wie wärs mal mit einer chronologischen Auflistung der DB Lügen seit 1994. Um warum hat noch nie jemand den Herrn Hopfenzitz interviewt ?? Die Kontext will keine reine „Anti-S21“ Zeitung sein was ich verstehen kann. Nur wenn sie den anderen schon vorwerfen,durch Stuttgart mit geschlossenen Augen zu gehen, dann sollten sie sich verdammt noch mal auf „Stuttgarter Themen“ stürzen wenn sie in der Anfangszeit auch Leser binden wollen. Diese Liste ließe sich wohl ewig fortsetzen – aber vielleicht kommt ja noch was….

  • 11
    Friedhelm Weidelich:

    Lieber Herr Neuhaus,
    ich stimme Ihnen voll zu. Die Bücher habe ich gekauft und gelesen und weiß auch daher nur vom Weinberghäusle, das ich in meinem Märchen aufgegriffen habe, wie auch den Hubschrauberflug, bei dem der Irrsinn demnach wieder aufgewärmt wurde. Doch plötzlich wird in einem Anti-S21-Blatt der Polizeipräsident interviewt, aber nicht thematisiert, was er in Afghanistan als Ausbilder gemacht hat und wie weit ihn das bei seiner Strategie beeinflusst. Und es stellt sich überhaupt die Frage, wieso ein eingetragenes CDU-Mitglied und Kandidat für politische Ämter unter einem SPD-Innenminister arbeiten sollte. Auch das ominöse Wirken eines H. Häußler wäre ein Thema. Ganz abgesehen von den bahnbezogenen Themen, die bei allen Medien in Vergessenheit geraten sind oder, obwohl sie nicht schwierig sind, nie verstanden wurden. Geißler, die sogenannte „Schlichtung“, Stuttgart 21 plus? Freudenreichs Interesse scheint mir nur noch zu sein, wie man den Südflügel und die Bäume noch ohne einen Bürgerkrieg gefällt bekommt. Und mit welcher Strategie die Polizei das noch schafft. Ein Super-Thema für die eingebetteten Stuttgarter Medien, denen ein paar Nachhilfestunden in der Journalisten-Vorschule nicht schaden würden: Kurse: Was der Zweck von Pressemitteilungen und Pressekonferenzen ist. Darf man alles glauben? Lügen Politiker und Unternehmer nie? Warum ist es gut, wenn man zwei Quellen hat oder beide Seiten fragt? Ist es lebensgefährlich, vor Ort zu recherchieren? Was ist Twitter? Was finde ich wo im Internet? Wie finde ich Wissenschaftler außerhalb der TU Stuttgart und der Uni Hohenheim? Wie finde ich echte Experten, die nicht CDU- oder FDP-Mitglied sind? Warum sind auch Wissenschaftler niemals neutral. Was ist Lobbyismus? Warum Bürger nicht dümmer sind als „Experten“.
    Dieses neue Blatt leidet unter dem unklaren Profil. Nach meinem Empfinden als Stuttgart- und Baden-Württemberg-bezogen gestartet, widmet man sich nach dem Zufallsprinzip irgendwelchen Themen, wie man sie in der TAZ auch findet. Wenn nicht bereits thematisiert, fehlen nur noch die Kaffeebauern in Nicaragua oder die weißrussischen Freiheitskämpfer. Aber wie ja schon die feuilletonistischen, aussagefreien Rubrikbezeichnungen mit eingestreuter Daimler-Werbung (wo war der denn Bericht über die angebliche Schließung der Daimler-Facebookgruppe gegen S21?) zeigen, hat man einen hohen Anspruch – aber kein Konzept. Entweder mache ich ein investigatives Blatt für Stuttgart und das Ländle, wo man sowas händeringend gesucht hätte, oder eine Über-ZEIT (was nicht schwer ist) mit Blickfeld Europa. Da wirken die Stuttgart-Berichte aber entschieden zu lokal, kleinkariert und isoliert.
    Und noch einmal: Der Widerstand gegen Stuttgart 21 ist nicht nur ein Kampf gegen Stadtzerstörung und eine gigantische Steuergeldverschwendung. Es ist auch eine Bürgerbewegung gegen Behördenwillkür, den erkennbaren und stellenweise ganz gut nachweisbaren Filz zwischen Politik, Wirtschaft, Justiz und Kriminellen und einer Pseudodemokratie, in der nur noch der wirtschaftliche Stärkere und der gut Vernetzte seine individuellen Interessen durchsetzen kann. Im Zweifel zu Lasten des Bürgers und Steuerzahlers. Stuttgart als Kern dieser neuen Bewegung zu erkennen, die sich auch gegen die Laienschar in Berlin richtet, wäre eine Aufgabe gewesen. Dass die KontextWochenzeitung das noch schafft, glaube ich nicht. Sie ist austauschbar und profillos geworden. Deshalb lese ich sie auch nicht mehr.

  • 12
    Thomas Neuhaus:

    Lieber Herr Weidelich,

    auch ich kann Ihnen nur zustimmen: „Entweder mache ich ein investigatives Blatt für Stuttgart und das Ländle, wo man sowas händeringend gesucht hätte, oder eine Über-ZEIT (was nicht schwer ist) mit Blickfeld Europa.“

    Das trifft es wirklich perfekt.

    Der Taz-Herausgeber hat mal in einer Podiumsdiskussion etwas süfisant sinngemäß folgendes gesagt. „Die Taz würde immer für ihre tolle Auslandsberichterstattung gelobt – wahrscheinlich auch deswegen, weil keiner der Leser den Inhalt überprüfen kann“.

    Also wie wärs mit einem Gastbeitrag in der Kontext zu S21?

  • 13
    Friedhelm Weidelich:

    Ich habe vor längerer Zeit ein Manuskript aus diesem Blog angeboten, habe aber keine Antwort bekommen. Wie heißt es so schön: Keine Antwort ist auch eine Antwort.

  • 14
    Jürgen:

    Ja! Nein! Das ist mir zu realistisch! Mir ist das Lachen in Bezug auf diesen Megaschwachsinn irgendwie völlig vergangen.

  • 15
    Rolf Ade:

    Ich dachte ja, ich kenne die wesentlichen Schweinereien um S21, aber dass die Stadt die Betriebskosten des neuen Bahnhofs übernimmt ist mir neu. Gibt es dazu eine Quelle oder ist dieses Detail doch der satirischen Phanasie des Autors entsprungen?

  • 16
    Friedhelm Weidelich:

    Hallo Herr Ade,
    dass die Stadt die Betriebskosten übernimmt, ist in diesem Fall erfunden. Aber würde es Sie wundern? Obwohl die DB überall genug einnimmt, um die Bahnhöfe zu betreiben und zu pflegen, lässt sie sie verfallen, um dann die Kommune zu erpressen. Zahlt diese nicht einen Teil der Renovierung, reißt die DB ab, verkauft oder schließt.
    Der DB ist bei der Jagd nach Profit – dem einzigen Geschäftsziel – alles zuzutrauen, da ist satirische Überhöhung nur noch selten möglich.

  • 17
    Rolf Ade:

    Ob es mich wundern würde? Sagen wir mal so: ich sehe schon kommen, daß die Stadt das tun wird, um ‚die Wirtschaftlichkeit des Projekts‘ für die Bahn zu verbessern und weil das Ganze ja ein so tolles Geschenk an die Stadt ist.

  • 18
    Bernd Oehler:

    Ich widerspreche der These von Herrn Weidelich insofern, als ich es auch bei Menschen mit einem dreistelligen IQ erlebt habe, dass sie vor den Mächtigen (die sie oft eher als »das Mächtige« erleben) auf dem Bauch liegen und schlichtweg alles akzeptieren, was von oben kommt (s. Adorno über den autoritären Charakter).
    Mein Vater war als Beschäftigter einer Eisenbahn in der Lage, persönlich den Wechsel in einen Industriebetrieb zu bewerkstelligen – acht Jahre, bevor die Strecke stillgelegt wurde. Bis an sein Lebensende konnte er die Anzahl der Bahnkilometer von »seinem« Bahnhof in diverse Großstädte herbeten, während er die fadenscheinige Begründung für die Stilllegung der Strecke noch Jahre später als unausweichlich ansah – selbst unter veränderten Finanzierungsbedingungen und angesichts der Tatsache, dass etliche Kommunen die Wiederaufnahme des Bahnverkehrs auf stillgelegten Strecken anstrebten und anstreben. Der Eisenbahner allein machts also nicht unbedingt aus, auch wenn er wie mein Vater nie einen Führerschein machte.

    Andererseits bin ich mir ziemlich sicher, dass die Deutsche Bahn in den letzten Jahre nicht absichtslos in die Hände ehemaliger Auto- und Sonstwas-Manager gegeben wurde. Als Mehdorn noch die Heidelberger Druckmaschinen in die Misere steuern durfte, konnte er sich nicht genug echauffieren, wenn ein ICE an Heidelberg vorbeifahren sollte. Als Bahnchef wollte er dagegen viele ICEs hochgeschwind (man begriff sich ja schließlich als Konkurrent der Lufthansa) am gewiss nicht unwichtigen Knoten Mannheim vorbeifahren lassen, weil ein ICE ja »nicht an jeder Milchkanne« halten könne.
    Die Bahnpolitik der letzten Jahrzehnte ist kein Zufall und auch nicht Resultat einer Dummheit der Entscheider, sondern sie hat System. Und in dem System hat die Bahn nicht die Priorität, die ihr eine verantwortungsbewusste und nachhaltige Politik zuerkennen müsste. Selbst ein autosüchtiges Volk wie die Deutschen sprach sich noch in allen Umfragen gegen Privatisierung und Börsengang der Bahn aus, was den Verantwortlichen aber genauso schnuppe ist wie Stresstests oder Kapazitätsberechnungen.

    Eine Anekdote aus der 21-Geschichte der Bahn: In Mannheim (wo ich wohne) hat die Stadt unlängst endgültig die Bezeichnung »Mannheim 21« zu den Akten gelegt, auch weil man die negative Konnotation zu Stuttgart loswerden wollte. Das entsprechende Immobilien-Projekt (Nachtigall, …) hat jetzt einen unverfänglichen Namen bekommen. Grandioser Einfall eines ersten Mannheim 21-Entwurfes war es übrigens, den Hauptbahnhof von 10 auf 8 Gleise zu reduzieren – heute strebt man eine Erweiterung an, um die S-Bahn nahtloser einbinden zu können. Die ebenso nötigen Planungen im Zulauf des Hauptbahnhofs wurden gerade im Bundesverkehrswegeplan mit geringerer Priorität versehen.

    Ein Schelm, wer Arges dabei denkt? Ich halte nicht nur bei Stuttgart 21, sondern bei der Bahn insgesamt alles für möglich.
    Möglich ist übrigens auch, dass ein CDU-Bundestagsabgeordneter sich zum Protest gegen die Schließung eines Stadtteilpostamtes einfindet und – von seinem erstaunten SPD-Kollegen dran erinnert, dass er doch der Post-Privatisierung zugestimmt habe – antwortet, so habe er sich das aber nicht vorgestellt!

    Man will sich gar nicht vorstellen, was solche Politiker sich vorstellen oder auch nicht vorstellen, allerdings wird es dem zahlenden Bürger auch in der Stuttgarter Stadtmitte leibhaftig vorgestellt werden.

  • 19
    Friedhelm Weidelich:

    Lieber Herr Oehler,

    danke für diese Analyse. Mein IQ-Argument war bewusst polemisch. Ich kenne auch in Baden-Württemberg gebildete, gewiss nicht dumme Menschen, die für S21 sind, weil sie sich einfach nicht damit beschäftigt haben und blind dem „Fortschritt“ zustimmen. Hauptsache, das Geld kommt ins Ländle und kein anderer kriegt’s. Der Schwabe (verallgemeinernd und polemisch) neigt eben zu Neid und einer gewissen Selbstverliebtheit.

    Es ist in der Tat entweder irr oder pure Absicht, wenn Luftfahrt- und Automanager die Bahn übernehmen, von der sie nichts verstehen, um aus ihr eine schlappe Luftfahrtkonkurrenz aufzubauen und richtig Kohle mit dem von den Ländern subventionierten Nahverkehr zu machen. Dann kassiert man auch noch die Entgelte für die Strecken- und Bahnhofsbenutzung, investiert nur das Nötigste nicht einmal das Nötigste und erpresst dann Bund und Kommunen, um die vernachlässigten Strecken und Bahnhöfe (beides Volkseigentum) zu reparieren oder auszubauen. Und als Vorstand macht man auf dicke Hose und Welt-AG, obwohl die AG allein dem Bund und damit den Bürgern gehört. Populist und Straßenverkehrslobbyist Ramsauer macht fleißig mit, und sein Vorgänger Tiefensee (SPD) sitzt im Kuratorium des ECE-Lobbyvereins Lebendige Stadt. Was kein Zufall sein kann. Was diese Generation der Babyboomer an Hohlheit in die Politik und Wirtschaft gebracht haben, hat FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher beeindruckend beschrieben.

    Ich traue den Vorständen der Bahn inzwischen alles zu, nur nichts Gutes für die Fahrgäste und den Güterverkehr. Und allmählich muss man selbst wildeste Spekulationen für denkbar halten, dass Daimler eine Menge Lkw absetzen kann, sollte S21 gebaut werden. Schon für den Aushub braucht man viele Lkw. Und wenn dann über Jahrzehnte der Bahnverkehr gestört ist und ein Flaschenhals gebaut ist, der keinen Ausbau des Nahverkehrs ermöglicht, steigt ganz „natürlich“ der Bedarf an Autos. Und selbst wenn es bis dahin (2035, 2040) brauchbare Elektroautos geben wird: Die Stadt, der gesellschaftliche Zusammenhalt, das Vertrauen in Staat, Justiz und Polizei wird noch auf Jahrzehnte beschädigt sein.

 
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