Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

DB hängte 110 Bahnhöfe vom Fernverkehrsnetz ab

27.03.12 (Bahnhöfe, DB, Eisenbahn, Personenverkehr)

Die Deutsche Bahn AG hat seit 1999 insgesamt 110 Personenbahnhöfe von ihrem Fernverkehrsnetz abgetrennt. Das geht aus einer Statistik hervor, die der Verkehrsexperte Felix Berschin im Auftrag des ARD-Politikmagazins „Report Mainz“ erstellt hat. Die größte Stadt, die keinerlei ICE- oder Intercity-Verbindungen mehr hat, ist Krefeld mit mehr als 263.000 Einwohnern. Auch Heilbronn, Bremerhaven, Gera und Siegen wurden vom DB-Fernverkehr abgeschnitten. Dresden verlor 124 Fernverkehrshalte/Woche, Magdeburg: 363, Koblenz: 459, Bonn: 511. Besonders betroffen sind auch Fremdenverkehrsorte. So hat zum Beispiel Eichstätt alle 47 Fernverkehrshalte pro Woche verloren.

Wiesbaden, Ingolstadt, Montabaur und Speyer zählen dagegen zu den Gewinnern von Fernverkehrsanbindungen. Abseits der großen Hauptverkehrsachsen der Deutschen Bahn fällt die Bilanz jedoch insgesamt negativ aus: Die Zahl aller Fernverkehrsabfahrten pro Woche fiel an den 368 untersuchten Bahnhöfen, die nicht an den Hauptstrecken liegen, in den vergangenen 13 Jahren von 38.027 auf 20.596 –  ein Minus von 46 Prozent.

Der Deutsche Städtetag kommentierte die von „Report Mainz“ präsentierte Statistik wie folgt: „Nach diesen Angaben wurde das Angebot im Fernverkehr für 17 Millionen Einwohner im Zeitraum von 1996 bis 2012 fast halbiert. Durch diese Verschlechterungen werden die Standortqualität und die wirtschaftlichen Chancen der betroffenen Städte gefährdet. Geboten wäre das Gegenteil, nämlich alle Oberzentren und die größeren Mittelzentren an das Fernverkehrsnetz anzubinden. Nach unserer Einschätzung ist der Bund dazu auch verfassungsrechtlich verpflichtet.“

Auch wichtige internationale Fernverkehrsverbindungen wurden von der Deutschen Bahn ausgedünnt, so zum Beispiel Trier-Luxembourg. Die Verbindung München-Prag strich die Deutsche Bahn mit dem letzten Fahrplanwechsel im Dezember 2011 vollständig. Seither bietet die Bahn keine Direktverbindung mehr nach Prag an. Das bayerische Verkehrsministerium erklärte dazu auf Anfrage von „Report Mainz“: „Obwohl die für den Fernverkehr wichtige Elektrifizierung der Strecken Nürnberg-Marktredwitz-Hof und Marktredwitz-Tschechien seit 1995 als vordringlicher Bedarf im Bundesverkehrswegeplan stehen, hat der Bund bislang noch keine Mittel für die Planung bereit gestellt. Ein Datum, wann der Ausbau endlich fertig werden soll, kann der Bund bis heute nicht nennen. Schneller ging es dafür mit der parallel verlaufenden Autobahn A6, die inzwischen von Nürnberg nach Prag durchgehend befahrbar ist. Dort verkehrt seit 2009 ein von DB-Fernverkehr betriebener Schnellbus, der den vom Freistaat ersatzweise bestellten Zügen Konkurrenz macht und die Direktfahrgäste Nürnberg-Prag mit kürzeren Reisezeiten lockt (Bus: 3 h 30 min, Zug: 4 h 45 min). Unterwegshalte bedient der Bus nicht, und so müssen sich beispielsweise die Touristen ins Böhmische Bäderdreieck (Karlsbad, Marienbad), die vorher direkte Fernzüge nutzen konnten, mit Regionalzügen, mehrfachem Umsteigen und langen Wartezeiten herumschlagen.“

„Report Mainz“ legte die Statistik zur Entwicklung des Fernverkehrs auch der Deutschen Bahn AG zur Bewertung vor. Ein Sprecher teilte „Report Mainz“ dazu mit: „Generell gilt festzuhalten, dass es keine Ausdünnung des DB-Fernverkehrsangebots gibt – vielmehr hat die DB ihre Verkehrsleistung ausgebaut.“ Die Verkehrsleistung (beförderte Personen mal gefahrene Kilometer) sei im vergangenen Jahr um 4,1 Prozent gestiegen. Der Umsatz sei im gleichen Zeitraum um 5,5 Prozent angestiegen.

Ein Bericht wird heute um 21.45 Uhr im Ersten bei „Report Mainz“ gesendet.

Ein Kommentar

  • 1
    F.Ruhland:

    Ich bin auf den Beitrag sehr gespannt. Leider hat sich im Falle der Verbindungen zwischen Bayern und Böhmen ein Fehler im Detail eingeschlichen. Ganz grob und meiner Erinnerung nach lief das ungefähr so: Der Fernverkehr (in Form von Zügen, IR/IC) hat sich schon vor Jahren zurückgezogen, etwa erste Hälfte der 2000er Jahre. Einen Treppenwitz der Eisenbahngeschichte lieferte die DB AG mit der damals vorgeschobenen Begründung, aufgrund von umfangreichen Ausbauarbeiten an der Strecke auf tschechischer Seite sei es nicht möglich, das Fernverkehrsangebot aufrecht zu erhalten. So hat man heute auf tschechischer Seite zwar teilweise modernisierte Strecken, für die aber auf der deutschen Seite kein Gegenstück existiert und in Zukunft vielleicht auch kein Bedarf mehr. (Ich meine, dass es zum Ausbau auch einen Staatsvertrag gibt.) Etwa zu der Zeit wurden auch die Nachtzugverbindungen zwischen Prag und Süddeutschland eingestellt. Dann sprang für den (Tages-)Verkehr München/Nürnberg-Prag kurzzeitig DB Regio ein, bevor ihn dann der Alex übernahm – der wiederum zuerst zu Arriva gehörte, jetzt aber zu Netinera. Es gibt also noch immer durchgehende Bahnverbindungen zwischen München/Nürnberg und Prag, je zweimal pro Tag in beiden Richtungen. Allerdings gehen die Zugverbindungen in der Fahrplanauskunft ziemlich unter, man muss schon gezielt danach suchen, denn was in dieser Geschichte noch fehlte: die Renaissance der DB AG als Busunternehmen mit Sparpreisen und allen Schikanen (s.o.) …

 
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