Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

EXKLUSIV: Siemens erprobt den eTruck

11.05.12 (Bahnindustrie, Deutschland, Güterverkehr, Innovationen, Nordamerika, Technologien)

Es ist schon herrlich mit den lieben Kollegen Redakteuren: Jeder Blubb von Facebook und Google verbreitet sich minutenschnell um den Globus. Wenn in China eine Autostudie vorgestellt wird, weiß es eine Stunde später die ganze Welt.

Vorgestern stieß ich per Twitter auf den elektrisch angetriebenen Hybrid-Lastwagen von Siemens und hatte keine Zeit, mich gleich darum zu kümmern. Bis zur Stunde hat keine deutsche Zeitung davon Wind bekommen.

Es handelt sich um ein neues Güterverkehrssystem, das ähnlich wie ein O-Bus betrieben wird. Die Energie kommt aus einer doppelten Oberleitung über zwei ausfahrbare Stromabnehmer. Der Lkw fährt mit elektrischen Nabenmotoren, hat aber auch ein Dieselaggregat mit Generator an Bord, um damit abseits der Oberleitung fahren zu können.

Entwickelt wurde das System von Siemens unter Geheimhaltung, aber gefördert durch das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU). Ziel des Projektes ENUBA „Elektromobilität bei schweren Nutzfahrzeugen zur Umweltentlastung von Ballungsräumen“ war es zu untersuchen, wie sich Lkw-Verkehr energieeffizienter und umweltfreundlicher gestalten lässt. Denn der Güterverkehr wird erheblich zunehmen, gerade in Ballungsräumen entstehen durch schwere Nutzfahrzeuge erhebliche lokale Belastungen wie Stickoxide, Feinstaub oder Lärm. Die Verbesserung der Effizienz der Verbrennungsmotoren, die Verlagerung auf die Schiene oder der Einsatz von Biokraftstoffen wird nicht ausreichen, um die Emissionen ausreichend zu reduzieren.

Die technische Realisierbarkeit des fahrdrahtgebundenen eTrucks wurde auf einer eigens dafür errichteten Teststrecke nördlich von Berlin erfolgreich erprobt. Der Lkw startet automatisch den Dieselmotor, sobald es keinen Kontakt mehr zu den beiden Fahrleitungen hat und kann so auch Überholmanöver ausführen.

Es ist laut Siemens geplant, die Arbeiten in einem Anschlussprojekt fortzusetzen. Für ENUBA 2 mit einer Laufzeit von 2 Jahren ist die Zusammenarbeit mit einem Nutzfahrzeughersteller und der TU Dresden vorgesehen. Dabei steht die optimierte Integration der Antriebstechnik und Stromabnehmer in das Fahrzeug sowie die Bereitstellung der erforderlichen Verkehrssteuerungssysteme im Fokus.

Siemens sieht vor allem zwei Einsatzgebiete, bei denen das ENUBA-Konzept ökologisch und ökonomisch besonders punkten könnte: LKW-Pendelverkehr ohne Bahnanschluss über kurze und mittlere Entfernungen beispielsweise zwischen Güterverkehrszentren und Häfen oder die Anbindung von Gruben und Minen an zentrale Lager- und Umladestellen.

Im hoch belasteten Kalifornien werden nun zwei Pilotprojekte im Hinterlandverkehr von Häfen geplant, berichtete CNET.

Nachtrag 21.5.2012: Heute hat der SPIEGEL das Thema entdeckt. Doch schon. 😉

5 Kommentare

  • 1
    MKB:

    wow, so einfach kann das gehen – eigentlich eine geniale Idee. Da fragt man sich natürlich weshalb das in Deutschland geheim entwickelt und getestet wurde und nun über den Umweg aus den USA hier bekannt wird? Ein Schelm wer Böses dabei denkt…

    Viele Grüsse

    Matthias Knézy-Bohm

  • 2
    MartinE:

    Hallo Herr Weidelich

    ja, so ein Bericht war mir auch aufgefallen. Denn mit keiner deutschen Zeitung übertreiben Sie 🙂

    http://www.automotiveit.com/siemens-proposes-overhead-power-lines-for-trucks/news/id-005745

    auch ein sehr schöner Artikel dazu:

    http://www.thechargingpoint.com/news/eHighways-being-tested-for-electric-trucks-of-the-future.html

    Grüße
    Martin

  • 3
    Lukas:

    Koennte daran liegen, dass in der USA die Atomlobby (die stecken mit hinter BMU – in der USA denkt man naemlich wie im Rest der Welt ausser Deutschland, dass Atomkraft keine Auslauftechnologie ist) faehig ist, sinnvoll sich bei Politikern und Bevoelkerung beliebt zu machen waehrend bei uns das nur die Mineraloelindustrie hinbekommt.

    In Deutschland wird in diese Richtung gerne mal die Realitaet verdreht, waehrend im Rest der Welt von der Flutkatastrophe in Japan gerdet wird (mehrere 10.000 Tote), redet man in Deutschland nur ueber die Atomkatastrophe Fukushima (bisher <100 direkt assoziebrare Todesfaelle).

    Aber die Leute lassen sich ja von unserer Regierung auch eine "Energiewende" einreden, bei der erstmal die Haelfte der AKW Kapazitaet nicht durch erneuerbare, sondern durch fossile Energien ersetzt wird (im Moment sind in Deutschland zig Gas, Oel- und Kohlekraftwerke im Bau oder in Planung). Das man hier von einer Rentnertechnologie auf eine Sauriertechnolgie wechselt ist ja egal. Die Mineraloellobby freuts, und die "spenden" froehlich weiter.

  • 4
    Rolf:

    Lieber Matthias,
    Der Umweg über die USA ist nicht erforderlich, die deutsche Siemens-Webseite gibt bereitwillig und ausführlich Auskunft.

    http://www.mobility.siemens.com/mobility/global/de/fernverkehr/strassenverkehr/elektrifizierter-schwerlastverkehr-eHighway/Seiten/elektrifizierter-schwerlastverkehr-ehighway.aspx

    Zur „Geheimniskrämerei“: üblicherweise geht man in der Industrie (wie auch in anderen Lebensbereichen) nicht mit halbgaren Dingen an die Öffentlichkeit, sondern dann, wenn die Dinge wie hier in einer Demonstationsinstallation die ersten elementaren Hürden genommen haben. Allenfalls potentielle und ausgewählte Kunden werden zu einem früheren Zeitpunkt eingeweiht und müssen dafür aber ein NDA mit allem Drum und Dran unterschreiben.

    Der Spott wäre sicher groß, wenn Siemens mit Halbgarem in die Öffentlichkeit vorgeprescht wäre um dann kurze Zeit später das Ganze wegen Nichtmachbarkeit wieder einzukassieren. Außerdem ist es immer eine Frage der Unternehmensstrategie wann man die Katze aus dem Sack lässt, denn die Konkurrenz schläft ja nicht und wird das verfügbare Material sicher genauestens analysieren.

    Gruß

    Rolf

  • 5
    HJ:

    „Wenn in China eine Autostudie vorgestellt wird, weiß es eine Stunde später die ganze Welt.“

    Nur wenn ein Sack Reis umfällt dann ist nix. :))

    Jetzt aber im Ernst, ist das ein ganz verspäteter Aprilscherz oder haben die Leute mehrere Schrauben locker?
    Ich nehme jetzt mal an, dass die gesamte Elektrizität für solche „Projekte“ mit Wasserkraft produziert wird, was im Hinblick auf den steigenden Meeresspiegel schon mit Mikrogefälle oder sogar Wellen- und Gezeitenkraft möglich wird. Denn alles andere ist doch schwere Umweltbelastung. Ne, ne die sind voll auf dem Damm und nehmen uns auf den Arm. 😉 🙂

    Na ja, wie ich zu sagen pflege: Abwarten und Tee trinken.

 
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