Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Bahn frei für neue Nord- und Südflügel in Stuttgart Hbf!

03.07.12 (Bahnhöfe, DB ML, Deutschland, Eisenbahn, Marginalien)

Es soll immer noch Menschen geben, die glauben, dass Stuttgart 21 ein ordentlich geplantes Städtebau- und Infrastrukturrückbau-Projekt ist. Entschuldigung, es ist ja Bestandteil der Magistrale Paris – Bratislava – nur dass halt niemand mehr über dieses europäische Fernverkehrsprojekt redet.

Wer noch an das schätzungsweise 18 Mrd. Euro teure Projekt Stuttgart 21 glaubt, ist Projektsprecher Dietrich. Das muss er, und vielleicht kann er nicht anders.

Wer noch an das höchstens 4,5 Mrd. Euro billige Projekt Stuttgart 21 glaubt, ist Ministerpräsident Kretschmann. Das will er, denn er kann will nicht anders.

Eine 350er S-Klasse mit Allradantrieb fährt Ministerpräsident Kretschmann (rechts) künftig. Pressefoto am 2.7.2012: Landesregierung Baden-Württemberg

Stolz stellte Kretschmann gestern seine metallicgrüne S-Klasse vor. Metallicgrün soll ein Symbol sein, und wahrscheinlich hat es noch keiner gemerkt, dass es ein Schwarz ist mit einem Hauch Dunkelgrün. So wie Kretschmann, der stockkonservative Schwarze, der sich vor der Wahl in hauchfeine grüne Folie gehüllt hat, um die Wähler zu täuschen. Viele treudoofe Baden-Württemberger haben durchgesehen und den schwarzen Kern gewählt – Ruhe und ein bissle Naturschutz sind in Baden-Württemberg eben Bürgerpflicht. Aufmüpfigkeit darf sich hier bestenfalls im Erfinderstüble ausbreiten. Un no muss Ruah sei.

Vorbei ist es mit der Ruhe, denn der im Februar in einer Nacht- und Nebel-Aktion mutwillig abgeholzte Schloßgarten wird noch lange als Deutschlands dümmste Industriebrache das ohnehin schon schlechte Klima im Stuttgarter Kessel verschlechtern und jedem Besucher demonstrieren, das Baden-Württemberg und speziell Stuttgart von einer Allianz aus Dummheit, Unfähigkeit, Filz und Kriminalität beherrscht wird. Was aus dem einstigen Land der Dichter, Denker und Erfinder ein Land des Filzes, der merkwürdigen Justiz und einer Politkaste gemacht hat, die unabhängig von der Parteizugehörigkeit tiefschwarz ist. Und das Volk erträgt das, so wie wir die absolutistische Merkel ertragen.

Doch während die faktenresistenten Stuttgart-21-Freunde sich aggressiv in den Kommentaren der Stuttgarter Zeitungen auskotzen und deren recherchefaule Redakteure nur äußerst ungern zugestehen wollen, dass sie ihre Berufsehre als Schmiermittel verkauft haben, statt als Sand im Bahn-, Bau- und Stadtgetriebe zu wirken, so häufen sich die Nachrichten, dass der Bahnhof neu geplant werden muss.

Die mehr als verdoppelte Grundwassermenge, die schon gut ein Jahr bekannt ist, zwingt zu einem neuen Planfeststellungsverfahren, schreibt die Frankfurter Rundschau.

Überall in Baden-Württemberg hebt der bei Bohrungen beschädigte und nass gewordene Gipskeuper den Boden, im Welzheimer Wald bis zu 40 cm. Nur noch die Naivsten unter den Stuttgartern glauben, dass das bei den Tunneln durch den Stuttgarter Gipskeuper natürlich nicht passieren wird. Weil das nicht sein darf und ein paar höchst glaubwürdige Professoren gesagt haben, dass alles beherrschbar ist – notfalls mit ein wenig Zweikomponentenharz, das man in berstende Tunnelwände drückt. Des hebt! Zwoi Johr mindeschtens.

Auch die Feuerwehr will nicht mehr hinnehmen, dass es im Tunnel 40 Minuten lang brennen kann, bis das Löschwasser ankommt. Obwohl mit der Volksabstimmung mittelbar auch entschieden wurde, dass Stuttgart 21 auch ein Arbeitsbeschaffungsprojekt für die örtliche Bestatterbranche ist. Denn die steilen, engen, unzugänglichen Tunnel mit wasserlosen Löschrohren sind die beste Garantie für dreistellige Fallzahlen binnen Minuten.

Gut, trotz des absehbaren „Baubeginns“ nicht vor 2014 wird natürlich alles 2020 „wie geplant“ fertig, höre ich Propagandasprecher Dietrich schon sagen. Die meisten Redakteure der Stuttgarter Zeitungen werden das brav schreiben und nicht hinterfragen, weil sie es ja gewöhnt sind, nichts zu hinterfragen, weil das ja Konsequenzen haben könnte für die Karriere oder die Selbstwahrnehmung als Meinungs-Kings oder den frühen Feierabend.

Am Ende wird es so kommen, wie ich es schon letztes Jahr formuliert habe: DB Station & Service, der Immobilienhai des Weltkonzerns DB Mobility Logistics, wird neue Nord- und Südflügel bauen. Aus Glas, Stahl und Beton, im schlichten Gewand des zeitgenössischen Ingenieurbaus. Voll von Ladenflächen, Cafés, einem Kaninchenstall-Hotel und einem gemütlichen kleinen Porno-Kino, wie man es in dieser bigotten Stadt braucht. Denn was die DB anpackt, lohnt sich immer zuallererst für die DB. Herr Grube ist nach dem Aktienrecht verpflichtet, Schaden von der DB abzuwenden. Der Bürger kommt dafür auf und Kretschmann hilft dabei gern.

Nachtrag 17.20 Uhr: Am Nachmittag sagte Kretschmann in der Landespressekonferenz zum Landeshaushalt: „Die geplanten Einsparungen sind extrem ambitioniert.“ Auf die Idee, sich S21 zu sparen, kommt er nicht, lieber lobt er seinen vorgetäuschten eisernen Sparwillen. S21 war und ist seit dem Volksentscheid für den schwarzen Biedermann kein Thema mehr und keine politische Aktion wert. Er wird seine Gründe haben.

Nachtrag 19.35 Uhr: Zu meiner Überraschung äußert sich Kretschmann heute doch in der Stuttgarter Zeitung zum Planungs- und Kommunikationschaos der Deutschen Bahn bei Stuttgart 21: „Sollte die Bahn mit den Arbeiten im Mittleren Schlossgarten nicht planmäßig beginnen können, wäre dies höchst kritikwürdig.“ Hui, Kretschmann droht mit Kritik! Da wird die DB aber schon zittern! Er sei „ehrlich gesagt schon sehr irritiert“, zitiert Redakteur Braun den Regierungschef. Das klingt nach einem mächtigen Wutanfall bei seinem Temperament.

Man kann also wieder hoffen, wenn Kretschmann als einer der Letzten im Lande kapiert, dass S 21 nicht ordentlich geplant ist. Dass es nur zu 5 % durchdacht und bestenfalls zu 20 % finanzierbar ist, wird er angesichts der übergroßen Haushaltsprobleme eventuell schon im Herbst 2012 erkannt haben. Dann könnte die Stadt Stuttgart mit der Anpflanzung neuer Bäume im Schlossgarten beginnen. Mit Steuergeldern und einem neuen Oberbürgermeister, versteht sich.

2 Kommentare

  • 1
    Thomas Neuhaus:

    Taktik?

    Ich denke mal, Kretschmann weiß das natürlich alles ganze genau, also kann eigentlich nur eine gewisse Taktik dahinter stecken. Kretschmann möchte natürlich unbedingt MP bleiben – auf der anderen Seite hat er die SPD am Hals, die wohl intern mehr als nur droht, wobei ich glaube, das auch bei einem offensiven Anti-S21 Kurs des MP nach der Wahl die SPD die Koalition nicht hätte platzen lassen – aber wer weiß.

    Also gäbe es eigentlich nur die eine Möglichkeit für Kretschmann, daß – unter Hinnahme der Zerstörungen – sich S21 von selbst erledigen wird. Damit wäre dann auch die SPD entschärft.

    Allerdings müßte man auch bei der SPD Spitze wissen, daß S21 nur schiefgehen kann – sei es durch die Gerichtsklagen, die Kosten oder die schlichte Unmachbarkeit – nur eine Frage der Zeit.

    Und weil die SPD das alles natürlich weiß, macht es das Ganze doch sehr merkwürdig, denn eigentlich müßte ihr klar sein, daß sie am Ende – so oder so – als Verlierer dastehen wird.

  • 2
    B. Oehler:

    Ha, so ein Zufall: die bekannt grünenkritische Springerzeitung »Die Welt« zitiert den »Spiegel«, der wiederum berichtet, Daimler habe zum Gelingen der Party zwei Stände für 20.000 gemietet. Honi soit qui mal y pense.
    http://www.welt.de/newsticker/news3/article108125381/Kretschmann-finanzierte-Sommerfest-in-Berlin-mit-Sponsorengeldern.html

 
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