Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

HKX holpert in den Start

23.07.12 (Deutschland, Marginalien, Marketing, Medien, Personenverkehr)

Der erste Zug des Hamburg-Köln-Express hat Köln erreicht und gewendet. Der Premierenzug soll gut gefüllt sein, schreibt ein Kollege der Berliner Zeitung.

Trotzdem ist der Start kläglich, sowohl von der HKX-Kommunikation her als auch in den Medien. Denn beide haben aus dem endlich gestarteten DB-Mitbewerber nichts gemacht. Während das bahnreisende Publikum über die unverschämten Preise von DB Fernverkehr flucht und neuerdings unter massiven Verspätungen wegen Oberleitungsstörungen leidet, registrieren die Medien kaum noch die liegengeliebenen und evakuierten ICE. Man hat sich daran gewöhnt.

Die Berichterstattung über den HKX ist freundlich bis verhalten und stützt sich auf die Pressemitteilung von Anfang Juli, in der alte Rheingoldwagen durch Norddeutschland schaukeln. Die tauchen überall auf, obwohl in den Fachmedien bereits über weitere Züge berichtet wird.

Auch im läppischen Interviews eines Wirtschaftwoche-Redakteurs mit der HKX-Geschäftsführerin, das wie schriftlich geführt aussieht, herrscht noch der alte Informationsstand. In einem fein ziselierten Satz, der alle Interpretationen offen lässt, wird über die mangelnde Kooperationsbereitschaft der DB geklagt: „Der Infrastrukturanbieter hat uns die Trassen leider nicht zum gewünschten Zeitpunkt zur Verfügung gestellt.“

Hat HKX nun die gewünschte Fahrplantrasse an bestimmten Tagen nicht bekommen oder wollte die DB, die für Schikanen bekannt ist, mit anderen Tricks den Start weiter verzögern? Nachgefragt wurde nicht. Mal will sich’s ja nicht mit der DB-Pressestelle verderben, die so lieb im Auftrag der Vorstände Material für Exklusivmeldungen liefert…

Weil Holtzbrinck die Artikel profitmaximierend und profilminimierend zwischen seinen Blättern hin und her schiebt, landet das schlechte Interview auch in der ZEIT und vergrößert die Einfalt in der Vielfalt der Medien. Die Agentur dapd berichtet parallel auch nicht viel mehr Neues und wiederholt die Mär von den Rheingoldwagen.

Dann dackelt dpa hinterher, inzwischen speziell in Stuttgart ein williger Pressemitteilungsverwerter unter Zeitdruck und qualitativ am Boden, und zieht noch einen Verkehrswissenschaftler aus dem Hut, der auf die lahme IC-Strecke hinweist, auf der man genau so schnell wie die DB mit ihren abgehalfterten IC-Wagen sein könne. Ich meine, das schon woanders, ohne Verkehrswissenschaftler, gelesen zu haben. Fast überall nur leicht umgeschriebene Berichte von dapd, dpa und anderen Agenturen. Nur im Kölner Stadt-Anzeiger findet sich Substanz, wenn auch mit dem völlig deplatzierten Billigflieger-Vergleich. Die haben nämlich neue Flugzeuge und kassieren auch für Selbstverständlichkeiten. Zumal HKX eine Platzreservierung im Preis anbietet. Das, was die DB nicht einmal für BahnCard-Besitzer anbietet, um noch tüchtiger zulangen zu können.

Keine Rede davon, dass Veolia den Betrieb für HKG übernahm. Keine Rede davon, dass es nicht Rheingoldwagen sind (was immer das sein soll, denn die stammen aus den 60ern und nicht aus den 70ern), die heute fahren. Es sind vier beklebte Alex-Wagen (Foto) der Vogtlandbahn (Tochter des italienischen FS-Unternehmens Netinera Deutschland) und zwei Taurus-Elloks, weil es an Steuerwagen oder einer Umsetzmöglichkeit in Köln fehlt. An den Wochenende werden Züge der NOB dazukommen, die auf Drehscheibe online schon mehrfach auf Testfahrt zu sehen waren. Meinte HKX mit „Rheingold“ die Eurofima-Wagen?

Immer dabei übrigens die Zugbegleiter mit russisch inspirierten Uniformen und, wie bei der österreichischen Westbahn, dem Retro-Design von Klamotten der TWA- oder Aeroflot-Stewardessen der späten 50er-Jahre. Hässlich und lächerlich.

Was denn heute tatsächlich fährt, hätte man als Journalist gern am Wochenende in einer Pressemitteilung gelesen, auch eine Vorbesichtigung durch Journalisten und eine kurze Probefahrt wäre bei einem Unternehmen, das sich eine Leiterin Unternehmenskommunikation leistet, eigentlich selbstverständlich gewesen. Nein, HKX verzichtet auf solche grundlegende Medienarbeit und hat nicht einmal eine Pressemitteilung zum Betriebsstart verschickt.

Heute um 9.30 Uhr beim Versuch, die Website von HKX zu öffnen.

Und wie schon Anfang Juli, als das Handelsblatt über den Start berichtete, ging heute und beim Buchungsstart der Server in die Knie.

Die Presse- und Produktmanagementverantwortliche, die früher auch Reden für den Bahnchef formulierte, schreibt in ihrem Linked-In-Profil Management ohne E und in Pressemitteilungen „English version behind German version“.

Hintendran. Das ist leider das, was man über die Marketingkommunikation von HKX sagen muss.

Nachtrag 15 Uhr: Jetzt kommt es noch dicker! Der frühere Südwestfunk-Popmusik-Moderator Karl-Heinz Kögel befürchtet offenbar, dass aus Versehen Kunden auf seiner namensrechtlich geschützten Billigreiseseite hlx.com (auf die ich bewusst nicht verlinke) landen und droht mit rechtlichen Schritten wegen der „ähnlichen“ Domain hkx.de. Die Welt berichtet am Ende des Beitrags darüber. HKX war erst kürzlich von hkx-online.de auf hkx.de umgestiegen.

Die Kollegin von der taz schreibt über die alten Wagen: „Beim Einsteigen riecht der Fahrgast eine Mischung aus Plüschsofa, Öl und Schweiß.“ Ein Fortschritt! Bei den weitgehend baugleichen IC-Abteilwagen der DB kommt noch der Geruch von nassem Hund dazu.

Das HKX-Buchungssystem arbeitet fehlerhaft. Ich habe für kommenden Sonntagabend eine Fahrt von Düsseldorf gesucht und den Zug 17.27 Uhr nach Hamburg angeklickt. „Diese Verbindung kann nicht gewählt werden“, zeigt die Website an und springt auf das Angebot Hamburg – Köln am morgigen Dienstag. Vertrauenerweckend ist das nicht, professionell schon gar nicht.

3 Kommentare

  • 1
    Klaus-Dieter Lubbe:

    Guten Tag,
    Ich kann die Story über den Server nur bestätigen, langsam, oft zusammenbrechend, will gewählte Verbindungen erst nicht annehmen,Anmeldung als Mitglied um eine Sitzpaltzreservierung zu bekommen? Der Server meldet sich nicht zurück… Usw Usw.
    Ich habe entnervt aufgegeben und für insgesamt € 20 mehr bei DB gebucht.
    Zu den auf der Homepage gezeigten Uniformen kann ich nur zustimmen: Schrecklich häßlich, wie im schlimmsten Ostblock. Wer hat nur sowas ausgesucht?
    Insgesamt: Sollen sie ihre Anlaufschwierigkeiten erst mal ohne mich machen..
    Klaus Lubbe

  • 2
    Friedhelm Weidelich:

    Auch heute geht nichts, man kommt nur mit sehr viel Geduld auf die Buchungsseite. Dann „diese Verbindung kann nicht gewählt werden“ statt z. B. „dieser Zug ist ausgebucht“. Dann dürfte man ihn gar nicht anzeigen. Mir scheint, da hat jemand nicht so recht durchdacht, wie eine Website und ein CMS aussehen muss. Das ist schade, denn eigentlich bräuchte die DB endlich einen Mitbewerber. Offensichtlich überforderte Mitarbeiter an der Spitze sind aber keine Empfehlung und geben wenig Hoffnung, dass HKX lange leben wird.

  • 3
    HJ:

    Ist doch wunderbar, nach der Devise „new and improved“ oder auch „Was DB beherrscht werden wir auf die nächste Stufe steigern“. Zug fahren war vor Zeiten in Deutschland mal angenehm und dann hat „man“ sich darauf besonnen, dass das „Image“ poliert werden sollte. Na prost!

 
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