Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Die Bahnindustrie ist selber Schuld am fehlenden Ingenieurnachwuchs

16.09.12 (Ausbildung, Deutschland, Eisenbahn, Personalien, Technologien)

In einem kurzen Interview mit der FAZ beklagte sich Michael Clausecker, seit April 2012 Präsident des Verbandes der Bahnindustrie in Deutschland (VDB), über die mangelnde Attraktivität der Bahnindustrie für Ingenieure und andere Absolventen. Mindestens 1500 Ingenieure fehlen schon jetzt.

Den Grund hat Clausecker schnell ausgemacht: „Die Branche gilt zu Unrecht als etwas angestaubt. Studenten assoziieren mit der Bahnindustrie Verspätungen, hohe Preise und Zugprobleme. Sie sind in Gedanken sogar des öfteren bei der Deutschen Bahn. Wir müssen aber klar machen, dass Deutsche Bahn und Bahntechnikhersteller zwei verschiedene Paar Schuhe sind.“

Zwar liefert die Deutsche Bahn AG täglich mindestens zehn Gründe, die Vorstände dieses Unternehmens als das zu entlarven, was sie sind: inkompetent und rein gewinnorientiert. Was den VDB nicht daran hindern sollte, die Bahnindustrie als fähig und Hightech-Industrie darzustellen, das – Bahnbetreiber eingeschlossen – nicht sehr viel weniger Mitarbeiter hat als die sich brillant verkaufende Autoindustrie.

Als Technikjournalist, der sich in vielen Branchen bewegt hat und noch bewegt, kenne ich alle Spielarten der PR-Arbeit. Die Bahnindustrie ist dabei die angestaubteste, die ich in vielen Berufsjahren kennengelernt habe. Man braucht nur einen Blick auf die Selbstdarstellung zu werfen, den der VDB im Internet – DER Informationsquelle für Nachwuchskräfte – bietet:

  • eine buchstäblich farblose Imagebroschüre, die in Sachen Text und Bild schwer zu unterbieten ist
  • eine Karrierebroschüre, die mit Gemeinplätzen nur so um sich wirft
  • ein Webseitenlayout, das mit seinen Piktogrammen an das computerlose Grafikerhandwerk um ca. 1972 herum erinnert
  • einem Inhalt, der alles, aber nicht attraktiv ist und wie von Juristen getextet ist, mit dem Ziel, ja nicht konkret zu werden oder gar eine Firma zu nennen

Die Karriere-Broschüre ergeht sich in Gemeinplätzen: „Mobilität als menschliches Grundbedürfnis (wird) immer wichtiger. Mobil zu sein bedeutet, am Leben teilzuhaben.“ Das klingt wie in einem betulichen Prospekt für Rollatoren oder Treppenlifte, nicht aber nach Begeisterung für moderne Schienenverkehrssysteme.

Austauschbares Geschwätz auch sonst: „Die Bahnindustrie in Deutschland ist auf allen fünf Kontinenten inzwischen zu Hause – weltumspannend: von São Paulo und Los Angeles über Stockholm, Bangkok und Neu Delhi bis Shanghai. Die Ingenieure und Techniker der Bahnindustrie sind weltweit im Einsatz und entwickeln die intelligente Mobilitaät auf der Schiene für heute und morgen.“ So kann man auch den Job eines Kran- oder Messebauers oder Wartungstechnikers für Schiffsmotoren beschreiben, der nicht weniger interessant ist.

Bahntechnologie wird unter anderem so verkauft: „Der VDB arbeitet für die Unternehmen der Bahnindustrie an einem innovationsfreundlichen Klima in unserer Gesellschaft und unterstützt seine Mitglieder bei der Umsetzung neuer Ideen.“ Das überzeugt sicher jeden jungen Ingenieur.

Selbstverständlich ist der VDB auch ein Lobbyist der Bahnindustrie und hat dort Aufgaben, im Sinne der Industrie auf die Verkehrspolitik einzuwirken. Aber was hat das hier mit Bahntechnologie zu tun?

Wo sind die modernen Schlüsselworte: Energieeffizienz, alternative und Hybrid-Antriebe, Energierückgewinnung, IT-basierte Netzwerke, Regeltechnik, Hochgeschwindigkeitsverkehr, Leichtbau, ETCS, Testzentren, Hightech, vorausschauende Wartung, elektronisches Ticketing, Apps und mehr?

Und weil man es ja auch noch etwas menscheln lassen will, hat man Eisenbahningenieuren Testimonials abgetrotzt, die so schlecht redigiert sind, dass man am Ende des Satzungetüms nicht mehr den Anfang kennt: „Das bei mir schon vorher vorhandene Interesse für den Schienenverkehr und seine Fahrzeuge gepaart mit dem elektrotechnischen Studium findet in der Bahnindustrie ein professionelles und vielfältiges Umfeld für die aktive Mitgestaltung an der Zukunft dieser Fahrzeuge.“ Wer soll das lesen? Ein Jura-Student, der kein besseres Deutsch kennt? Ich parodiere das mal: „Bereits im Alter von acht Jahren begegnete ich meiner ersten Modelleisenbahn, die meine Technikaffinität schon früh prägen sollte, um mich nach erfolgreichem Abschluss des Abiturs dem Studium des Maschinenbaus zuzuwenden, das letztendlich in einer mittleren Führungsposition in einem nicht unbedeutenden Unternehmen der Bahnindustrie seinen ersten beruflichen Höhepunkt fand, angesichts des globalen Wachstums des schienengebundenen Verkehrs in den kommenden Jahrzehnten mir aber noch zahlreiche neue Perspektiven bieten könnte.“ (Diesen Satz schenke ich Ihnen, lieber VDB.)

Auch einem anderen Mitarbeiter hat wohl ein Jurist den Text geschrieben: „Die Arbeit in der Bahnindustrie ist aufgrund der Komplexität der Fahrzeuge und der Wechselwirkung unserer Komponenten im Fahrzeug außerordentlich vielseitig und anspruchsvoll.“ Da will man doch gleich einsteigen, gell?

Wahnsinnig griffig, was die Berufspraxis betrifft, ist auch diese Aussage: „Die Bahnindustrie ist ein faszinierender Bereich, der Technikgeschichte schrieb; heute hoch innovatives Denken und Handeln erfordert. Im Hinblick auf die zunehmende Vernetzung der unterschiedlichsten Logistikzweige, stetig steigende Energiekosten, zunehmende Mobilität und Flexibilität wird die Bahntechnologie weiterhin eine maßgebende Rolle spielen.“ Kernaussage: Die Welt dreht sich weiter, aber die Bahnindustrie wird auch in Zukunft gebraucht. Der Knaller!

Man könnte auch sagen: Thema verfehlt.

Das gilt auch für die möglicherweise noch vorhandene VDB-Pressestelle, die seit April nichts mehr von sich gegeben hat und nicht in der Lage ist, vor der enorm wichtigen Innotrans den notorisch uninformierten Wirtschaftsjournalisten ein paar Trends in die Mailbox zu werfen. Dass die meisten Journalisten nichts von Eisenbahn verstehen, ist auch das Versäumnis der Branche, die sich hinter dem B2B-Geschäft versteckt und am liebsten garnichts medienwirksam präsentiert, weil das ja ein paar Tausend Euro kosten würde und sich nicht unmittelbar in Aufträge umsetzen lässt. Das ist kleinkariert und typisch für die gesamte Branche, die in Sachen Selbstdarstellung unbeholfen und fantasielos ist wie kaum eine andere. (Die Innotrans ist B2B, und für die Besucherbilanz lässt man am Ende auch Eisenbahnfreaks und Bahnreisende aufs Gelände, die sich vor den futuristischen Zügen fotografieren und zweifellos mehr Sympathie für die Eisenbahn haben als die meisten Bahnvorstände.)

Siemens ist bei der Medienarbeit die einzige rühmliche Ausnahme, steht aber ohne die Schützenhilfe von anderen Firmen – meist weltweit erfolgreichen Großunternehmen – etwas allein da, um die Bahnbranche öffentlichkeitswirksam mitzuschleppen und als das darzustellen, was sie ist: eine Hightech-Branche.

Wer Fachkräfte für die Eisenbahnbranche werben will, muss auch etwas dafür tun, fernab von jahrzehntealten Verbandsritualen, niedlichen Suchen nach den nettesten Bahnmitarbeitern und attraktivsten Bahnhöfen (weil die Masse der Bahnhöfe dank der DB in der Tat Horror ist) und so „vielsagenden“ Pressemitteilungen wie dieser: Bahnindustrie fordert schnelle Umsetzung des Handbuchs Eisenbahnfahrzeuge.

Der Verband der Automobilindustrie (VDA) zeigt nicht nur, wie man umweltfreundliche Technologien so lange wie möglich herauszögert und sich beim Bundesverkehrsminister durchsetzt. Er zeigt auch, wie ein moderner Auftritt im Internet aussieht. Auch diese Website könnte man noch verbessern. Aber dem Auftritt des VDB ist sie locker 15 Jahre voraus.

Michael Clausecker braucht sich also nicht zu wundern, dass die Bahnindustrie als verstaubt gilt. Sein Verband tut wirklich alles, dass es auch so bleibt.

Die Wirklichkeit sieht anders aus. Eisenbahn ist mehr Hightech als in jedem Luxusauto. Ich weiß es, Sie wissen es. Aber die Öffentlichkeit, die Allerweltsmedien und die Berufsanfänger wissen es nicht.

4 Kommentare

  • 1
    DerEisenbahner:

    Es ist wohl nicht nur der VDB, der hier Probleme mit solchen Themen wie Innovation und damit auch Motivation hat.
    Die gesamte Bahn-Branche tut sich schwer, Dinge zu ändern.

    Denkhindernisse dabei sind aus meiner Sicht immer wieder die gleichen Punkte:
    – Das geht aus Sicherheitsgründen nicht anders
    – Das haben wir schon immer so gemacht
    – Lokales Denken der jeweiligen Eisenbahnbehörden

    In allen Industrie, die sich sich (wirklich) geöffnet haben, lässt sich feststellen, dass die „Lieferanten“ Innovationen bringen müssen. Sonst sind sie ganz schnell auf dem Abstellgleis.
    Nur in unserer Bahnindustrie reicht es als Innovation bereits aus, wenn der neue Zug/die neue Lok mit LEDs statt Glühlampen ausgestattet ist.
    Neues Denken, neue Ansätze werden durch Regularien, die leicht über das Ziel hinausschießen, sofort im Keim erstickt.

    Nach vielen Jahren in dieser Branche (und davor vielen Jahren in anderen Branchen) muss ich einfach feststellen, dass die Bahnindustrie neue Ideen eigentlich gar nicht wünscht und daher sofort unterbindet.

    Wenn man sich die Evolution der Eisenbahn und des Autos ansieht, stellt man fest, dass sich beide seit Anbeginn fast nicht geändert haben. Dei Innovationen sind leicht modifizierte Motoren beim Auto bzw. elektrischer und Dieselantrieb statt Dampf beim Zug. Die Hauptkonzepte beider Systeme sind im wesentlichen unverändert.

  • 2
    B. Oehler:

    Den Hinweis auf die Zahl der Arbeitsplätze in der Bahnindustrie finde ich besonders interessant. Die Autolobby propagiert seit Jahren den Mythos von jedem siebten Arbeitsplatz, der an der deutschen Autoindustrie hänge – faktenwidrig. Von der Bahnindustrie hört man in dem Zusammenhang tatsächlich nichts. Ich kann mich auch an keinen Debattenbeitrag erinnern, wenn über die Zukunft der Mobilität gestritten wird. Es kann doch nicht sein, dass man dies der Allianz pro Schiene, VCD etc. überlässt.

  • 3
    Friedhelm Weidelich:

    Lediglich 5 % der deutschen Arbeitsplätze hängen an der Autoindustrie, eingerechnet Straßenbauer und Parkhauswächter. Nachdem viel im Ausland produziert wird, dürfte die Zahl noch geringer sein.

    Bei den meisten Verbänden wie Allianz pro Schiene und VDV handelt es sich um Organisationen, in denen die DB als größter Beitragszahler ihre Interessen durchsetzt. Entsprechend harmlos und gering ist die Öffentlichkeitswirkung und die Fehlleistungen der DB kein Thema, obwohl sie in der Tat das Image des Schienenverkehrs massiv schädigt. Auch Pro Bahn kommt mir wie ein zahnloser Tiger vor, bei allem guten Willen.

    Wenn ich mir so anschaue, was die Pressestellen oder Marketingmädel mancher Bahnhersteller und Ingenieurfirmen (nicht) absondern, braucht man sich über das schlechte Image nicht wundern. Das ist Fantasielosigkeit, Rückständigkeit und Dilettantismus pur – selbst Weltunternehmen wie Bombardier präsentieren sich wie Anfänger. Traurig. Es macht mich wütend, weil damit so viele Chancen verpasst werden und der Autoindustrie ohne Not das Feld überlassen wird. Selbst die hat bei sinkenden Verkäufen bereits kapiert, dass Vernetzungen und Leihsysteme ein Teil der Zukunft sind. Der Bundesverkehrsminister und die DB AG machen, was sie wollen. Und die Ingenieure der Bahnindustrie freuen sich, was sie wieder Tolles geschaffen haben und präsentieren das in der Fachzeitschrift, Auflage 2000 Stück.

    Ich fürchte, so wird es bleiben.

  • 4
    Lukas Iffländer:

    Hallo,

    was dagegen positiv überraschend ist, ist die Werbung für die Innotrans. Diese hängt DB-weit an jedem Fernbahnhof aus. In Berlin eigentlich überall, sogar bei den S-Bahnsteigen steht noch die Bahnhofs-Empfehlung im Laufband.

 
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