Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Die Deutsche Bahn hat sich bei den Ausstiegskosten von Stuttgart 21 verrechnet

13.03.13 (DB, Deutschland, Eisenbahn, Marginalien, Medien)

Nach allem, was ich als ehemaliger Politikstudent, Diplom-Verwaltungswissenschaftler, Journalist, Presse- und PR-Mensch und lebenserfahrener Mensch weiß, handelt es sich bei Stuttgart 21 um den größten Betrugsfall zu Lasten der Steuerzahler und der Demokratie, der in der Nachkriegsgeschichte stattgefunden hat und noch immer stattfindet. Wirtschafts- und Regierungskriminalität zu Lasten der Bürger.

Der Skandal ist, dass die Fakten, die dieses belegen, auf dem Tisch liegen und von fleißigen Bürgern, wenigen Journalisten mit hellem Köpfchen, Juristen, Ingenieuren erarbeitet und veröffentlicht wurden. Sie werden aber von den Massenmedien nur in winzigen Ausschnitten und zusammenhanglos wahrgenommen und in aller Regel falsch interpretiert. Selektive Wahrnehmung, mächtige Vorurteile und dümmliche Thesen erzeugen eine Melange aus starken Meinungen, die mit den realen Fakten nichts zu tun haben. „Gerade die großen und noch gut ausgestatteten Redaktionen liefern hier zum großen Teil eine ganz schwache und enttäuschende Leistung“, schrieb mir ein Kollege. Die naiven, dummen, vorurteilsbeladenen und zuweilen hasserfüllten Kollegen sitzen in Frankfurt ebenso wie in Berlin, Stuttgart, Hamburg oder Osnabrück.

Der Kollege schreibt weiter und hat damit völlig Recht: „Komplexe Themen werde leider nicht mehr durchdacht – und solche „Journalisten“ sind dann leichte Opfer für die 100-köpfige Propaganda-Abteilung unseres größten Staatskonzerns.“

Der gebärdet sich, je nach Interessenlage, mal als „private Aktiengesellschaft“, die niemandem verpflichtet ist – oder als behördenähnlicher Moloch, der wie ein staatliches Organ vorgibt, objektive Tatsachen zu verbreiten. Gerade auch dann, wenn es faustdicke, nachweisbare Lügen sind, die die öffentliche Meinung beeinflussen sollen.

So etwas geschieht sehr subtil: Da steckt man einem Redakteur aus der Holtzbrinck-Gruppe eine Information, dass der „Weiterbau“ 77 Millionen € billiger sei als der Ausstieg und daher „weitergebaut“ werden würde.

Dann läuft die PR-Lawine wie erwartet an:

  • Der hocherfreute Redakteur macht eine Exklusivmeldung zum angeblich vertraulichem Material, das ihm zugespielt worden sei und spekuliert erwartungsgemäß, dass es keinen Ausstieg geben würde.
  • Sein Chefredakteur (ein Freiheit-statt-Sozialismus-Fossil, das immer noch „Deutsche Bundesbahn“ schreibt), klopft ihm wegen des Coups auf die Schulter.
  • Die Exklusivnachricht wird in allen anderen Medien der Mediengruppe unkritisch wiedergekäut.
  • Der Verlag gibt die Exklusivmeldung über dpa an alle anderen Medien.
  • Die Medien wiederholen unter Zitieren des Ursprungsmediums die gezielte PR-Botschaft der DB.
  • Der Verlag freut sich über das Presseecho.
  • Die anderen Medien nutzen das, um mit Aufsichtsrat Kirchner ein paar Interviews zu führen, bei denen sie nicht merken, dass der eigentlich keine Ahnung von der Materie hat, weil sie selbst keine Ahnung haben.
  • Ergebnis: In der öffentlichen Meinung und bei den Redakteuren setzt sich, wie von der DB beabsichtigt, die Meinung fest, dass „Weiterbauen“ billiger ist, als das Projekt Stuttgart 21 endlich einzustellen.

Natürlich macht sich kein Redakteur, auch nicht vor Ort, die Mühe mal nachzusehen, was denn schon gebaut ist.  Niemand macht sich die Mühe nachzufragen, ob Stuttgart 21 überhaupt schon genehmigt ist. Drei Viertel der Planfeststellungsverfahren sind es noch nicht. Aber dazu müsste man ja verstanden haben, wie Planung und Genehmigungen ablaufen.

Ein Redakteur interessiert sich für solche Formalien nicht.  Schwadronieren und von Nachrichtenagenturen und PR-Agenturen zugeliefertes Material verwenden ist das, was er gern macht. Ein bisschen redigieren und Kommentare gegen „Wutbürger“ schreiben, die alles nur noch viel teurer machen. Dass die lieben Redakteurle damit ihre Dummheit und ihre Stammtisch-Vorurteile auch noch öffentlich dokumentieren, merken sie nicht. Dummköpfe bemerken selten, dass sie dumm sind. Und warum ihnen die Leser adieu sagen.

Viele Journalisten glauben, im Boot der Mächtigen zu sitzen und merken nicht, wie sie instrumentalisiert und als Agitationshelfer eingesetzt werden. Und dass sie helfen, gegen ihre eigenen Bürgerrechte, gegen den Protest gegen Steuerverschwendung und gegen ihre eigenen Interessen als Bürger vorzugehen. Gespaltene Persönlichkeiten.

Zum Glück gibt es noch einzelne Journalisten, die dieser blinden Meute und dem Informations-Mainstream nicht folgen und gegen den Strom schwimmen. Die Kollegen von der Kontext:Wochenzeitung gehören dazu und haben gerade einen Coup abgeliefert, der wie so viele Rechercheergebnisse wieder im digitalen Orkus landen könnte, wenn die Information nicht so brisant wäre. Die Botschaft:

Die Deutsche Bahn hat sich bei den Ausstiegskosten kräftig verrechnet und den Aufsichtsrat hinter’s Licht geführt. 

Sogar Fritz Kuhn, dem Stuttgarter OB, waren die falschen Zahlen aufgefallen, die den Aufsichtsrat quasi pflichtgemäß bewogen haben, den „Weiterbau“ zu genehmigen, da er ja angeblich kaum mehr kostet als der Projektabbruch. Dass die gestandenen Männer bei der Aufsichtsratssitzung so oder so gegen ihre Lebenerfahrung, dass Großprojekte drei- bis viermal teurer werden, votiert haben, ist ihnen wahrscheinlich gar nicht aufgefallen.

Grube und sein Vorstand stehen nun als entlarvte Betrüger da und werden ihre PR-Maschinerie mit der ausgestreckten Hand nutzen, den falschen Zahlen einen Sinn zu geben. Das wäre nicht das erste Mal. Und es wird nicht das erste Mal sein, dass die naiven Redakteure erneut die ausgestreckte Hand annehmen und die PR-Lügen der Deutschen Bahn verbreiten.

Lesen Sie dazu auch diesen Beitrag von Bruno Bienzle in der Kontext:Wochenzeitung: Es gilt das gebrochene Wort.

Nachtrag: Ausgerechnet die Fachpresse für Eisenbahnfreaks, Modellbahner und verkehrspolitisch Interessierte beweist mehr politischen Sachverstand als die Politikredakteure der großen Tageszeitungen und Sender. Im aktuellen Eisenbahn-Kurier 4/2013 schreibt Christian Wolf über die Verschleppungstaktik der Bahn und von Kanzlerin Merkel, die den Wählern bald erklären muss, woher die zusätzlichen Milliarden für S21 kommen sollen: „Die S21-Gegner laufen derzeit jedenfalls öffentlichkeitswirksam zu neuer Hochform auf (Aktion Merkel21). Und die politische Tragweite von S21 haben die Kanzlerin und ihre Partei schon einmal tragisch unterschätzt…“

10 Kommentare

  • 1
    Toni Marioni:

    Also – soweit ich es weiß, ist der Weiterbau 77Mio. billiger, oder anders herum – der Ausstieg ist 77Mio. teurer. (im 5.Absatz und im Absatz der mit „Sogar Fritz Kuhn,… “ beginnt)

  • 2
    Medienberichte 15./16.3. | Bei Abriss Aufstand:

    […] von Stuttgart 21 WAZ: Politiker wissen schon länger, dass Stuttgart 21 teurer wird Railomotive: Ausstiegskosten und wie man S21 Redakteure instrumentalisiert SWR: Bahn stellt Ultimatum für Flughafenbahnhof StN: Stuttgart 21: Bahn rechnet nicht mit Einigung […]

  • 3
    würtele:

    Sie sprechen mir aus dem Herzen.
    Doch es scheint so, daß man mit Lügen, Betrügen und Rechenschwäche seine Ziele besser und ungestrafter erreicht als durch friedlichen Widerstand.
    Die Medien (4.Gewalt???) übernehmen die Märchen der Betrüger und ignorieren die Fakten der aufklärenden Fachleute.
    Der Widerstand wird kriminalisiert und „Staatsanwalt“ Häußler kassiert, denn bei ihm sind alle die das Demonstrationsrecht wahrnehmen oder zivilen Ungehorsam leisten schuldig. Politiker und Uniformierte haben freie Fahrt und die Bahn darf Stuttgart weiter zerstören und die Steuerzahler/innen müssen bluten.
    Wann wird endlich die Betrugslehre in den Schulen eingeführt ???

  • 4
    Friedhelm Weidelich:

    Danke, ich habe es korrigiert: Der „Weiterbau“ soll 77 Mio. € billiger sein. Ist bei voraussichtlich 18 Mrd. € natürlich ein starkes Argument. ^^ 😉

  • 5
    Michael Thurm:

    Das einzigste was am Stuttgarter Hauptbahnhof und seiner Umgebung bisher zu sehen ist, ist planlose Zerstörung!

    Ich warte mal auf die Schlagzeile in der Zeitung mit den 4 Buchstaben in der dann die „Austiegskosten“ für eine nie begonnene „Baustelle“ mit 6,577 Mrd beziffert werde.

    Wo bleibt eigentlich eine Aufstellung der „Ausstiegskosten“ Ich denke als Bürger unseres Staates hat man auch ein Recht darauf zu erfahren wie viele Steuergelder in Grube’s noch ausgegrabener Grube verbuddelt sein sollen?

    Außerdem sollte sich unsere Landesregierung schnellstens von der unter falschen Tatsachen erfolgten Volksabstimmung verabschieden und zum Wohle des Volkes dafür sorgen, damit hier erst garkeine „Baustelle“ begonnen wird.

  • 6
    UweH:

    Danke für Ihren grossartigen Artikel, Sie sprechen mir regelrecht aus der Seele.
    Seit geraumer Zeit , genauer seit der Schlichtung, wird nicht mehr argumentiert . Weder über die sog.Vorteile im Verkehr , noch über städtebauliche Konzequenzen- abgesehen vom Thema Brandschutz und vom schlechteren Komfort beim Reisen. Es geht nur noch ums Finanzieren. Die Sache wird durchgepeitscht, angetrieben und nötigend von oberster Stelle, um ja nicht das Thema in den Wahlkampf zu bringen. Hauptargument ist nicht mehr die Finanzierung, es geht scheinbar vielmehr um die internationale Wahrnehmumg, wie Deutschland Großprojekte (nicht) realisieren kann, eine Diskussion zum Thema S21 ist inzwischen lästig oder gar unerwünscht. Eigentlich wusste ich ja schon lange wie Wirtschaft und Politik -freundlich ausgedrückt – “ kooperieren“, jedoch überrascht mich doch sehr, mit welcher Dreistigkeit und Unverfrorenheit die Politik illegal handelt.
    Die internationale Wahrnehmung ist auch die, dass Deutschland auch so korrupt wie das Herkunftsland der Mafia agiert.
    Kurz geagt und überspitzt formuliert: MERKEL KANN AUCH BERLUSCONI !

  • 7
    Dieter S.:

    Sehr geehrter Herr Weidelich,

    ich lese Ihre hervorragenden Beiträge regelmäßig. Es wäre schön, unsere verantwortlichen Politiker und sonstige Personen in Bad.-Württemberg ( egal welche Parteizugehörigkeit) würden dies ebenfalls tun. Dann würde sich die bis heute vorhandene Zustimmung zu S21 ändern. Merken diese Personen eigentlich nicht, dass sie von der Deutschen Bahn und den Verantwortlichen in Berlin von Anfang an nur belogen und getäuscht wurden?
    Hält eigentlich MP Kretschmann nur still, weil er sein Amt (Macht) in BW nicht verlieren will? Es wäre ihm zu raten, lieber einen Koalitionskrach zu riskieren. Dafür könnte er dann jeden Morgen reinen Gewissens in den Spiegel schauen.

  • 8
    Norbert:

    Als Ausstiegskosten werden in den Medien die Kosten der Bahn bezeichnet. Es wird nicht erwähnt, dass die Bahn Grundstücke von der Stadt zurückerhält, und dass die Stadt, also der Steuerzahler Geld von der Bahn erhält. Ausserdem wurde gezielt verschwiegen, dass nur ein Teil der Grundstücke zurückgegeben würden, da andere bereits bebaut sind oder auch im Ausstiegssfall genutzt werden können. Damit ist der Ausstieg mindestens 200 000 000 Euro billiger als Weitermachen.

  • 9
    Gewaltenteilung und S 21? | rauscherpeter:

    […] Wie ist es zu erklären, dass Journalisten von Kontext:Wochenzeitung herausfinden können, dass Fritz Kuhn bereits vor der Aufsichtsratssitzung der Bahn AG +++ Fehler in den Berechnungen +++ entdeckt und mitgeteilt hatte (http://www.kontextwochenzeitung.de/newsartikel/2013/03/falsche-zahlen/), wenn das den Stuttgarter Zeitungen ganz offenbar verborgen bleibt? Dort wurde es mit keinem Wort erwähnt. Sehr wahrscheinlich hat Rail-O-Motive recht mit der Darstellung, wie die PR-Maschine funktioniert: Pressemeldungen werden ungeprüft als echte Nachrichten verkauft: http://railomotive.com/2013/03/die-deutsche-bahn-hat-sich-bei-den-ausstiegskosten-von-stuttgart-21-v… […]

  • 10
    IO-Newsletter 24.03.2013: Fragen zur Gewalt und deren Teilung | InfoOffensive Baden-Württemberg:

    […] Wie ist es zu erklären, dass Journalisten von Kontext:Wochenzeitung herausfinden können, dass Fritz Kuhn bereits vor der Aufsichtsratssitzung der Bahn AG +++ Fehler in den Berechnungen +++ entdeckt und mitgeteilt hatte (http://www.kontextwochenzeitung.de/newsartikel/2013/03/falsche-zahlen/), wenn das den Stuttgarter Zeitungen ganz offenbar verborgen bleibt? Dort wurde es mit keinem Wort erwähnt. Sehr wahrscheinlich hat Rail-O-Motive recht mit der Darstellung, wie die PR-Maschine funktioniert: Pressemeldungen werden ungeprüft als echte Nachrichten verkauft: http://railomotive.com/2013/03/die-deutsche-bahn-hat-sich-bei-den-ausstiegskosten-von-stuttgart-21-v… […]

 
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