Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Kluges von der Frankfurter Rundschau

07.03.13 (Bahnhöfe, Medien)

Es gibt auch Redakteure, die genügend Detailwissen haben, um einen fundierten Kommentar zu schreiben. Joachim Wille von der Frankfurter Rundschau kennt sich beim Schienenverkehr und bei Stuttgart 21 aus und schreibt über den Irrsinn des Weitermachens. (Über die Kommentierung und Berichterstattung der anderen Zeitung am Ort sollte man gnädig den Mantel des Schweigens werfen.)

Einen Fehler macht aber  auch er: Die Volksabstimmung drehte sich nicht um die Frage, ob der Bahnhof gebaut werden soll. Die Frage war, ob sich das Land mit 930 Mio. € an den Kosten beteiligen soll. Das Quorum wurde nicht erfüllt, damit hatte die Volksabstimmung keine höhere Bedeutung als eine beliebige Meinungsumfrage im Internet. Ministerpräsident Kretschmann verbreitet seitdem allerdings hartnäckig seine unzutreffende Version, dass die Bevölkerung Baden-Württembergs damit entschieden habe, der Bahnhof solle gebaut werden. Eine der vielen Lügen zu S21, die von den Medien kritiklos weiterverbreitet und ständig wiederholt werden.

Die von Wille genannten Ausstiegskosten (600 Mio. €) sind leider auch viel zu hoch. Die Ingenieure 22 haben 363 Mio. € ausgerechnet. Da die DB  ihre Zahlen als Betriebsgeheimnis betrachtet, ist dem nichts entgegenzusetzen.

Die Ingenieure haben ermittelt:

ca. 227 Mio € insgesamt aufgelaufene Planungskosten für Tiefbahnhof S21 lt. Bahnchef Grube

ca. 37 Mio. € mögliche Entschädigungszahlungen für Aufhebung erteilter Bau-Verträge

ca. 23 Mio. € mögliche Entschädigungszahlung für gebaute Tunnelbohrmaschine

ca. 67 Mio. € bisher tatsächlich ausgeführte Baumaßnahmen:

Summe: ca. 363 Mio. €.

Laut Recherchen von Thomas Braun bei der Stuttgarter Zeitung wurden bis Ende 430 Mio. € verbaut (= beim Abriss und Bauvorbereitungen verbraucht). Die DB habe nach Aussage Grubes daran einen Anteil von lediglich 71 Mio. € getragen.

Dass ein Teil der Journalisten unkritische Deppen sind, hatte ich bereits geschrieben. Die Badische Zeitung hat eine Pressemitteilung des Tunnelbohrmaschinenherstellers Herrenknecht wohlwollend verarbeitet und mit Lokalredakteursstolz ins Blatt gehoben. Das Unternehmen war von Bundesverkehrsminister-Darsteller Ramsauer besucht worden. Was für ein Zufall, dass das gerade nach dem Aufsichtsratsbeschluss geschehen ist. Herrenknecht ist außerdem fleißiger Parteispender.

Ramsauer drohte unterdessen, dass alle Fahrgäste der DB die Mehrkosten von Stuttgart 21 bezahlen müssen, wenn das Land Baden-Württemberg nicht mehr bezahlt. Das mit dem Land zu verbinden, ist zwar unanständig und populistisch dumme Propaganda eines bayerischen Westentaschendemagogen und Parteisoldaten, der durch irgendeine Arbeitsleistung in seinem Amt noch nicht aufgefallen ist.

Im Kern stimmt das aber. Denn die Deutsche Bahn finanziert sich aus primär Steuergeldern UND den Einnahmen durch Bahntickets. Wer Bahn fährt, bezahlt also doppelt. Wer nicht fährt, auch. Wir können sicher sein: Ramsauer ist wie Merkel ein Feind der Steuerzahler.

3 Kommentare

  • 1
    T. Neuhaus:

    Seit 3 Jahren ist dieser ganze S21 Mist Tag für Tag Teil meines Lebens – ob ich will oder nicht.

    Dabei liegen die Fakten eigentlich klar auf dem Tisch und trotzdem geht dieser Irrsinn Tag für Tag weiter – und das ist das eigentlich unglaubliche in unsere vernetzten Welt.

    Trotz der Möglichkeit, sich über alles zu informieren, gibt es die gleichen Phrasen und Unwahrheiten der Politiker – Tag für Tag. Selbst wenn die Lügen absolut durchschaubar sind. Dieses ganze Politikergesockse widert mich einfach nur noch an.

    Dazu passt auch die Meldung vom Stern vom 5.3.13(Luik) vom internen Regierungspapier, das belegt, daß die Grünen die ganze Zeit wussten, daß mit S21 kein Leistungszuwachs geplant ist. Und trotzdem faseln alle weiterhin vom Infrastrukturprojekt.

    Man könnte wirklich langsam an seinem eigenen Verstand zweifeln bei diesem Irrsin.

    Aus heutiger Sicht wäre es wohl besser gewesen, die Grünen wären noch in der Opposition – Mappus hätte dann wohl wegen des Verfassungsbruchs zurücktreten müssen, und die Grünen würden – wenn auch nur aus oportunistischen Gründen alle Register gegen S21 ziehen – und wahrscheinlich wäre es jetzt schon tot, da Merkel keine Machtspielchen mit der Landesregierung bräuchte.

    Während Kretschmann Briefchen an den Vorstand schreibt, fährt Schmiedel hin und haut auf den Tisch – was ist das eigentlich für eine Pfeife von Ministerpräsident?

    Und warum, warum zur Hölle stellt so gut wie kein Journalist die Frage nach der Sinnhaftigkeit des Projekts – ich kann es einfach nicht mehr verstehen.

  • 2
    Friedhelm Weidelich:

    Journalisten interessieren sich in der Regel nicht für’s Detail. Eine knackige Schlagzeile genügt, der Rest kommt aus dem Pressematerial oder von der Agentur. Das ist bequem und macht nicht viel Arbeit. Zum Schwadronieren und Kommentieren langt das Bisschen, was man sich gemerkt hat. Was nicht zur eigenen These oder Haltung passt, wird ausgeblendet.

    Den Irrsinn kann man tatsächlich nicht ertragen. Darum habe ich eine sehr lange Pause gemacht. Stuttgart 21 kostet unendlich viel Lebenszeit, und die ist begrenzt. Fakten zählen nicht, es ist ein mit allen legalen und illegalen Mitteln ausgetragene politische, journalistische und kriminelle Offensive gegen die Bürger.

    Der doofe Teil der Journalisten vergisst leider, dass er selbst Bürger und Steuerzahler ist.

  • 3
    Nome:

    Verehrter Herr Weidelich,

    ich verfolge als räumlich doch fernstehender Zeitgenosse noch immer mit Interesse die Auseinandersetzungen um das Großprojekt, das ich als nicht der Realisierung würdig erachte. Meine Haltung hat grundsätzlich technische Gründe, die hier nicht diskutiert werden sollen.
    Ich glaube, ich habe schon einmal geschrieben, dass der ehemalige Vorsitzende des Verbandes deutscher Eisenbahningenieure (VDEI), Hr. Junker, sich in Münster einmal in einer unsäglichen Weise zum Projekt geäussert hat. Ich habe dem Verband in den letzten Jahren in seiner Haltung zu S21 nicht folgen können, und mich einige Male gefragt, wie wohl das Ergebnis einer anonymen Umfrage unter den Verbandsmitgliedern aussehen würde. Anders, als man in einer offenen Gesellschaft erwarten sollte, fand eine öffentliche Diskussion mit Beteiligung der Mehrzahl der fachlich Berufenen hierzulande ja nie statt. Offene Worte zu S21, die häufig von Autoren stammten, denen man allzu leicht Aussenseitertum vorwerfen konnte, wurden auf dem von der DB AG unabhängigen Boden der Schweiz publiziert.
    Nun, da offenkundig ist, dass für S21 das gleiche gilt wie für die Großbanken: „Too big to fail“, fliegt mir die aktuelle Ausgabe des EI (Der Eisenbahningenieur) ins Haus. Dort liest man auf den Seiten 12 bis 20 eine Darstellung, wie die Leistungsfähigkeit des Kopfbahnhofes durch einfache Mittel und bei Bau unter laufendem Betrieb an die zukünftigen betrieblichen Notwendigkeiten angepasst werden kann. Der Autor spart nicht mit indirekter Kritik am Konzept des Tiefbahnhofs und lässt dazu Prof. Kübler aus dem Jahr 1905 sprechen.
    Immerhin: Diskussion scheint wieder zugelassen unter den Eisenbahnern, die ihrem Arbeit- oder Auftraggeber Loyalität zeigen müssen.

 
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