Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Voll Banane: Wie der Bahnindustrieverband sich bei Studenten interessant machen will

04.11.13 (Bahnindustrie, Deutschland, Marginalien, Marketing)

VDB_Maskottchen_Anzeigen
Wie ein bestens mit der Politik vernetzter Verband der Automobilindustrie Politik für die Autoindustrie und lieber in bißchen höhere Schadstoffwerte macht, wurde in den letzten Tagen in vielen Medien erkannt und thematisiert. Der Lobbyismus läuft wie geschmiert, auch wenn großzügige Parteispenden der BMW-Eigner an die CDU natürlich nur eine nette Anekdote sind, die nicht viel über das Geflecht im Hintergrund verrät, bei dem es um Milliardengewinne für die deutsche Autoindustrie geht. Und die ist eine gewaltige pressure group.

Eine pressure group müsste auch die Bahnindustrie sein: Gegenüber dem Bundesverkehrsminister, den Verkehrspolitikern in Stadt und Land, gegenüber den weitgehend ahnungslosen Redakteuren der Medien, die einen nicht haltenden ICE lustiger finden als die Recherche in Stuttgart und Berlin, wo gerade versucht wird, das dümmste Bauprojekt seit Erfindung der Eisenbahn gegen jede Vernunft durchzudrücken.

Und dann hätte der Bahnindustrieverband nicht zuletzt die Aufgabe, die Eisenbahn im Allgemeinen und die Bahnindustrie als Hightech-Industrie darzustellen: gegenüber der durchaus bahnfreundlichen Öffentlichkeit, gegenüber autobesessenen „Auto“-Redakteuren und im Dialog mit Hochschulen und Absolventen. Denn es fehlt nicht nur an Lokführern, Stellwerkern und fahrendem Personal. Es fehlt auch an Ingenieuren mit Bahn-Affinität, nachdem man die erfahrenen älteren Ingenieure in den Ruhestand geschickt hat und die jüngeren Maschinenbauer und Elektroniker in Rekordzeit gewaltige Fahrzeugprojekte entwickeln müssen.

Schon vor einem Jahr hat der Verband der Bahnindustrie in Deutschland (VDB) e.V. mit einer Imagebroschüre einen Anlauf gestartet, die Branche gut zu verkaufen. Ein Dokument des Versagens, wie ich es hier beschrieben habe. Wenn offenbar Juristen, nette alte Ingenieure und der Proporz „Werbung“ machen, kommt einfach nur Altbackenes heraus.

Karriere macht man woanders

Heute startet der VDB einen weiteren Anlauf mit einer Imagekampagne, der studentischen Nachwuchs in die Bahnindustrie locken soll. Das soll mit einer Website passieren, wie sie unverbindlicher nicht sein könnte: http://besser-karriere-machen.de

Blöder geht es wirklich nicht, denn die unverbindliche und austauschbare WWW-Adresse könnte auch für die Milchindustrie, die Versicherungswirtschaft oder Aldi gelten. Da die Bahn nicht darin vorkommt, wird keine Suchmaschine diese URL der Bahnindustrie zuordnen. Der VDB drängt sich eben nicht gern in den Vordergrund… Und missachtet aus völliger Inkompetenz simpelste Regeln des Marketing im Internet.

Völlig Banane sind die Motive, mit denen Studenten auf die Bahnindustrie aufmerksam gemacht werden sollen. Eine traurige Banane und ein depressiver Koalabär sollen wohl demonstrieren, wie elend das Leben bei anderen Arbeitgebern sein wird. Wohl deshalb beachten die vorbeihuschenden Studenten (pardon: man sagt jetzt „Studierenden“) die verkleideten Studentenfänger und Loser nicht.

Als ob die Bahnindustrie keine Symbole hätte, zeigt die Kampagne irgendwelche Gebäude mit Hochschul-, Chill- und Sanierungscharakter. So, als wolle man Facility Manager suchen.

VDB_Maskottchen_Anzeigen3

Und als wäre das nicht schon genug an groben Kommunikationsfehlern, ist die Website so breit angelegt, dass sie zwar auf 22-Zoll-Monitoren durchaus eindrucksvoll aus den Pixeln springt. Dass Studenten lieber mit Smartphones und Tablet-PCs ins Internet schauen, hat sich aber noch nicht bis zum VDB und seiner Agentur herumgesprochen. Wobei es in der Regel die Kunden und nicht die Agentur sind, die kreative Produkte und Kampagnen verhunzen. Ich spreche aus Erfahrung.

Der Bahnindustrieverband ist der Erste, der dringend Nachwuchs braucht. Aber bitte Fachleute, die etwas von visueller Kommunikation, PR-Arbeit und Lobbyismus verstehen.

PS: Wie mir ein Leser mitteilte, führt der QR-Code auf eine nicht existierende URL mit der hübschen Bezeichnung ghostarmy. Ich hab’s auch ausprobiert. Stimmt.

5 Kommentare

  • 1
    Lutz Meyer:

    Lieber Herr Weidelich,
    vielen Dank für Ihre Meinung. Ich finde es schade, dass Sie ohne wirkliche Kenntnis nur nörgeln. Aber da folgt jeder seiner eigenen Persönlichkeit.
    Unprofessionell hingegen ist es, wenn Sie Motive aus einem internen Arbeitstand von vor zwei Monaten verbreiten und dann kritisieren, dass der QR Code noch auf eine Testadresse führt.
    Sie haben den Artikel offenbar vor dem Kampagnenstart vorgeschrieben, ohne den eigentlichen Auftritt zu beachten. Was Ihre Beweggründe sind, kann ich nur erahnen und befürchte, dass man mit so einer Haltung das Imageproblem der Bahnindustrie eher nicht verbessert.
    mit freundlichen Grüßen
    LM

  • 2
    Friedhelm Weidelich:

    Sehr geehrter Herr Meyer,
    da müssen Sie sich schon bei Ihrem Kunden beschweren, wenn der die Motive im Entwurfsstadium (was ich Ihnen nicht abnehme) herausgibt. Sie wurden mit einer Pressemitteilung des VDB versandt. Daraufhin habe ich den Beitrag geschrieben. Daran ist nichts unprofessionell.
    Unprofessionell ist der Auftritt Ihres Kunden, und ich bin mir beinahe sicher, dass Sie hier Ihr Talent verschwendet haben und es besser könnten.
    Das Imageproblem der Bahnindustrie wird bleiben. Als Freund der Eisenbahn schreibe ich seit 45 Jahren engagiert über Eisenbahntechnik – also seit Ihrem Geburtsjahr – und wünsche mir, dass große Teile dieser Industrie sich endlich professionell in der Öffentlichkeit darstellt. Viel Hoffnung habe ich nicht mehr.
    Davon unabhängig: Was Sie da abgeliefert oder im besten Fall gemeinsam mit dem VDB entwickelt haben, ist ausgesprochen peinlich. Der VDB gibt sich damit wie schon bei seiner Imagebroschüre der Lächerlichkeit preis.
    Aber vielleicht kommen Sie ja auch noch dahinter, was die Faszination der Eisenbahn ausmacht.
    Freundliche Grüße,
    Friedhelm Weidelich

  • 3
    Matthias Knézy-Bohm:

    Lieber Herr Weidelich,

    ich muss Ihnen absolut recht geben, so eine lieblose, altbackene und definitiv am Zielpublikum vorbeirauschende Kampagne habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Ich dachte erst, das sind Bilder von vor 30 Jahren, aber nein, das soll 2013 seine Wirkung entfalten.
    Was soll den eigentlich die Botschaft der Kampagne sein? Wenn Du eine (schlaffe) Banane oder ein erfolgloser Panda Bär bist (vielleicht mal als Rapper versuchen), dann reicht es immer noch für eine Karriere bei der Bahnindustrie?
    Na gut vielleicht klappt’s ja mit der Homepage, hab‘ ich mir gedacht. Aber auch hier wieder; weisse Schrift auf hellgrauem Untergrund, Kraut und Rüben bei den Piktogrammen, etc. Und kein Wort (oder hab‘ ich’s einfach nicht gefunden) von den speziell auf die Bahnindustrie ausgerichteten Studiengängen. Das gibt es tatsächlich – kuckst Du zum Beispiel hier: http://www.fh-aachen.de/studium/schienenfahrzeugtechnik-beng/der-studiengang/

    Man kann nicht einfach irgendwann aus dem Tiefschlaf aufwachen und dann versuchen an den Unis die Absolventen abzufischen. Das geht nur für Bereiche, die trendy und sexy sind (Werberspeak). Vielleicht wäre mal ein ordentliches Benchmarking angesagt. Danach wäre man auf dem aktuellen Stand der Dinge und könnte anfangen die Bahnindustrie Schritt für Schritt wieder auf’s richtige Gleis zu setzen. So etwas geht nicht von Heute auf Morgen, das ist kein Quartalsprojekt.

    Ein wunderbares Beispiel ist die Marke Audi. Vor nicht allzu langer Zeit die Heimat der „mit Hut Fahrer“ – also absolut uncool – gehört die Marke inzwischen zu den Top Fahrzeugen für Erfolgreiche. Aber dazu braucht es schon etwas mehr als eine halbgare Kampagne…

    Übrigens, ja ich gestehe ich bin ein Bahnfan. Aber leider hat mich die Deutsche Bahn gezwungen mit dem PKW zur Arbeit zu fahren. Und ja, ich verstehe etwas von Werbung…

    Viele Grüsse

    MKB

  • 4
    Bernd Oehler:

    In einem Punkt tun Sie der Bananen-Website etwas unrecht: sie kommt zwar im nervig-modischen Parallaxen-Scrolling daher, funktioniert aber durchaus auf Tablets und kleinen Bildschirmen, ist also responsiv programmiert. (Man kann das recht einfach testen, indem man das Browserfenster kleiner zieht.)
    Auch ein modisches Kleidchen überdeckt aber die inhaltliche Not eben nur dürftig …

  • 5
    Lukas Iffländer:

    Als Vergleich, wie man es richtig macht, auch das Stellenportal: http://www.get-in-it.de/

 
Get Adobe Flash player

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen